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Corona:Warten mit der Kanzlerin

Die Impfreihenfolge ist den Deutschen ein hohes Gut - dabei schafft sie durchaus auch das ein oder andere Problem.

Von Jens Schneider

Die sowieso fürchterliche Pandemie beschert der Welt einige neue deutsche Wörter, die niemand gebraucht hätte. Es sind Begriffe, die widerspiegeln, dass hierzulande gerade das Vermögen fehlt, das Wesentliche zu sehen. Zu diesen Wortschöpfungen gehört erstens der Impfdrängler, ein Typus, der Empörung auslöst und sogar schon zum Amtsverlust für ein Stadtoberhaupt geführt hat. Und des Weiteren zählt dazu die ewig diskutierte Impfpriorität, über deren Einhaltung mit einer komplizierten Bürokratie gewacht wird. Passend dazu reihte sich auch die Bundeskanzlerin brav ein, bis sie am Freitag dran war mit ihrer Corona-Impfung. Dabei hätte es gute Gründe für eine frühere Impfung gegeben.

Erstens ist Angela Merkel, so einfach ist das: die wichtigste Politikerin dieses Landes. Ihr frühzeitiger Schutz müsste angesichts der Aufgabe, für die sie gebraucht wird, selbstverständlich sein. Zweitens hätte die Kanzlerin mit einer früheren Impfung ein Signal gegen die Impfskepsis mancher Bürger setzen können; insbesondere nach den Schwierigkeiten mit dem Astra-Zeneca-Vakzin.

Letztlich ist diese Frage jedoch bei Weitem nicht so wichtig wie die, wann die Impfkampagne endlich so gut organisiert ist, dass ein Ausweg aus der Pandemie erkennbar wird. Der sehr deutsche Streit über Drängler und die heilige Impfreihenfolge ist da eher im Wege. Schon allein weil die oft so unflexible Fixierung darauf sogar die Gefahr birgt, dass Impfstoff ungenutzt bleibt. Wären die Prioritäten richtig gesetzt worden, gäbe es weniger Probleme.

© SZ
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