Corona-Maßnahmen:An den Menschen vorbeiregiert

Lesezeit: 2 min

Corona in Deutschland: Kanzlerin Merkel während der Pandemie

Die Silhouette der Kanzlerin

(Foto: Filip Singer/Getty Images)

Die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten müssen endlich eine Idee entwickeln, wie ein Leben mit der Pandemie gelingen kann. Doch das Ergebnis ihres Treffens zeigt: Ihnen fehlt eine realistische Einschätzung der emotionalen Lage im Land.

Kommentar von Angelika Slavik

Ja, Politik bedeutet immer auch Kompromiss, und ja, diese Pandemie ist eine historische Herausforderung. Dennoch ist das, was Bund und Länder in der vergangenen Nacht geboten haben, nicht zu entschuldigen. Denn wer verfolgte, wie die Kanzlerin und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten um Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus rangen, sah ein völlig chaotisches Hin und Her: Ausgangssperren, Lockerungen, Verschärfungen, Urlaub auf Malle oder im Wohnwagen an der Ostsee, es wirkte wie ein skurriler Tauschbasar, an dessen Ende vor allem ein Eindruck blieb - der vollkommener Willkür.

Das ist ärgerlich, weil man dieser gewaltigen dritten Welle ja tatsächlich etwas entgegensetzen muss. Die Entwicklung der Infektionszahlen rechtfertigt grundsätzlich ein hartes Vorgehen. Allerdings dürfte man nach einem Jahr Pandemie bessere Ideen erwarten: Lockdown und Einschränkungen dürften längst nur noch eines von vielen Instrumenten sein, mit denen sich besonders ein reiches Land wie Deutschland gegen das Virus wehrt.

Deutschland findet sich in der gleichen Situation wie vor einem Jahr

Impfen, testen, schlaue digitale Lösungen sollten vorrangig die Mittel der Wahl sein, um die Pandemie zu bekämpfen. Vor allem aber sollte die Prämisse politischen Handelns längst die Frage sein, wie man pandemiesichere Varianten dessen ermöglichen könnte, was früher zum Leben selbstverständlich dazugehörte. Denn dieses Virus und seine Folgen werden die Welt noch lange Zeit begleiten - und das Ziel muss sein, dass Menschen diese Pandemie nicht nur körperlich überleben, sondern auch emotional.

Die Einschränkungen wären einfacher auszuhalten, könnte die Politik glaubhaft vermitteln, dass sich all die Anstrengungen auszahlen. Die Botschaft der vergangenen Nacht allerdings lautet: Sie tun es nicht. Deutschland findet sich in der gleichen Situation wie vor einem Jahr, vielleicht sogar in einer schlimmeren, Familientreffen gestrichen, Ostergottesdienste gestrichen, Shopping gestrichen, Urlauber sind verantwortungslose Egomanen. Ob es im Sommer besser wird? Vielleicht.

Das Verbot für Urlaub im Wohnmobil ist nicht nachvollziehbar

So kann man nicht weitermachen. Die Versäumnisse bei der Impfkampagne sind hinlänglich besprochen, es steht außer Frage, dass sie mit sehr viel mehr Pragmatismus und sehr viel weniger Bürokratie organisiert werden muss, um endlich Tempo aufzunehmen - das Gleiche gilt für die Teststrategie. Vor allem aber müssen Bund und Länder eine Vorstellung davon entwickeln, wie Leben in einer Pandemie gelingen kann: Wie man Gastronomie, Urlaub, Theater und ja, auch Fußball ermöglichen kann, ohne den Kampf gegen das Virus zu vernachlässigen.

Dazu braucht man, klar, Abstandsvorgaben und Maskenpflicht, Eintrittstests und sehr viel mehr und schnellere Impfungen. Aber vor allem auch eine realistische Einschätzung der emotionalen Lage im Land. Die Diskussion um den Osterurlaub ist ein gutes Beispiel dafür, wie Politik an den Bedürfnissen der Menschen und an den Erfordernissen der Pandemie gleichzeitig vorbeiregiert: Es ist schlicht nicht nachvollziehbar, dass Menschen nicht autark im eigenen Wohnmobil an der Küste urlauben dürfen. Und es ist für die Virusbekämpfung kontraproduktiv, dass sich die Urlauber deshalb zu Tausenden in Flugzeuge nach Mallorca quetschen.

Wenn man in diesen Tagen in Berlin zum Beispiel mit Bundestagsabgeordneten spricht, hört man oft Entsetzen darüber, wie sehr das Vertrauen in die Politik insgesamt gelitten hat. Die vergangene Nacht zeigt eindrucksvoll, warum das so ist.

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