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Corona-Beschränkungen:Auf dem Rücken der Kleinen

Die Politik hat ihr Versprechen gegenüber den Kindern gebrochen - und belastet sie nun sogar besonders. Das frustriert viele Familien - und kann gefährliche Wirkung entfalten.

Von Henrike Roßbach

Unter den Silvestersprüchen, die zum Jahreswechsel die Runde machten, war auch dieser: "Ich werde dieses Jahr an Silvester definitiv wach bleiben. Nicht um das neue Jahr zu begrüßen. Sondern um sicher zu sein, dass das alte wirklich geht." Eine Woche später dürften viele Familien das Gefühl haben, nicht im neuen Jahr, sondern im März 2020 gelandet zu sein.

Die Schulen sind zu, die Kitas auch. Der "Distanzunterricht" bedeutet oft: Arbeitsblätter werden jetzt zwar online zur Verfügung gestellt, bleiben aber Arbeitsblätter, die von Mama oder Papa kontrolliert werden. Wer Lehrerinnen hat, die einmal am Tag ein Online-Format wagen, darf sich glücklich schätzen. Ja, es gibt Ausreißer nach oben. Aber auch nach unten. Unterm Strich wird schlicht weniger gelernt, vom Abiturienten bis zum Erstklässler, und dass ein reiches Land wie Deutschland das nicht besser hinkriegt, ist ein Witz - über den nur niemand mehr lachen mag.

Und dann sind da noch die Kontaktregeln. Eine weitere Person darf jeder Hausstand jetzt noch treffen. Für Kinder bedeutet das, dass sie gar keine Gleichaltrigen sehen dürfen, wenn sie noch nicht alleine bei der Freundin bleiben. Eine Regierungssprecherin sagte diese Woche, ja, diese Regeln träfen "auch Kinder besonders hart". In Wahrheit aber treffen sie Kinder härter als alle anderen. Das zeigt, dass Kinder noch immer nur mitgemeint, aber nicht mitgedacht werden. Statt den Erwachsenen mehr abzuverlangen, um den Kindern mehr Freiräume zu ermöglichen und trotzdem die Pandemie zu bekämpfen, läuft es umgekehrt.

Angela Merkel ist bekannt für ihre nüchterne Art, und angesichts des Verhaltens mancher Regierungschefs ohne Impulskontrolle darf man dankbar dafür sein. Doch dass sie es nach den jüngsten Beschlüssen nicht für nötig befand, die besondere Härte der Kontaktbeschränkungen für Kinder auch nur zu erwähnen, ist eine Form von Nüchternheit, die die Familien nicht verdient haben. Das heilt auch das Trostpflaster von mehr Kinderkrankentagen nicht, die Gehaltseinbußen mit sich bringen und auf die manch einer lieber verzichten wird, als sie seinem Chef alter Schule abzuringen.

Das Warten auf die Impfung wird so immer schwerer zu ertragen

Wenigstens die Grundschulen zu öffnen, mit Wechselunterricht und Hygieneregeln, hält nicht einmal Karl Lauterbach für undenkbar - und der ist nicht bekannt für einen verträumten Blick auf die Pandemie. Verkleinerte Kita-Gruppen als Spieltreffs zu bestimmten Tagen oder die Möglichkeit, sich im Elternkreis die Betreuung zu teilen, wären ebenfalls verantwortbar.

Ja, es sterben zu viele Menschen an und mit dem Virus. Zu viele stecken sich an, zu viele liegen in den Intensivstationen. Bund und Länder sahen sich deshalb gezwungen, ihr Versprechen gegenüber den Kindern zu brechen. Dass sie nun aber sogar besonders belastet werden, ist eine frustrierende Erfahrung für die Familien - und sie kann eine gefährliche demoralisierende Wirkung entfalten.

Es ist nicht nur unfair, dass zwei kleine Jungs nicht mit ihren Vätern im Park Ball spielen dürfen (während die Bundesliga weiter läuft) - es dürfte auch wenig zum Rückgang der Infektionszahlen beitragen. Dass unterdessen Arbeitgeber ihre Mitarbeiter weiter ins Büro zwingen dürfen, dürfte selbst die regelkonformste Familie ins Grübeln bringen. Und auch das Warten auf die Impfung wird mit jedem Stück Alltag, das wegbricht, eine schwerer zu erduldende Zumutung.

© SZ/jok
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