bedeckt München 20°

Kolumne:Verbrechen ohne Echo

Demonstrierende Uiguren in München, 2009

Uiguren demonstrieren in München dagegen, wie chinesische Sicherheitskräfte ihre Landsleute in der Provinz Xinjiang misshandeln.

(Foto: Robert Haas/lok)

Weil Bilder aus den Lagern fehlen, reagiert die Welt empathielos auf die brutale Unterdrückung der Uiguren durch den chinesischen Staat. Das ist unverzeihlich.

Von Carolin Emcke

"Um zu wissen, muss man sich ein Bild machen", schreibt der französische Philosoph Georges Didi-Huberman in "Bilder trotz allem", und da beginnt sie vermutlich schon, die prekäre Abhängigkeit von Bildern. "Sich ein Bild machen", die Formulierung verweist auf die in unsere Sprache eingelassene Vorstellung, wir bräuchten Bilder, um etwas zu verstehen, mehr noch: um ganz sicher zu sein, um zu wissen, dass etwas tatsächlich geschehen ist. Was nicht gesehen werden kann, das setzt sich dem Zweifel aus. Es mag andere Quellen der Information geben, schriftliche Dokumente, Aussagen von Zeuginnen und Zeugen, unabhängig und distanziert oder betroffen und involviert - aber noch immer, aller technischen Manipulierbarkeit zum Trotz, haftet Bildern eine besondere Autorität an. Als verliehen sie einer Erzählung oder Erinnerung das Siegel der Evidenz.

Vielleicht erklärt der Umkehrschluss, der Mangel an Bildern, die unverzeihliche Empathielosigkeit mit den Uiguren in China, von deren brutaler Entrechtung und massenhaften Internierung die Öffentlichkeit seit Jahren weiß - und die doch politisch reaktionsarm bleibt, als ließe sich von dem Grauen kein Bild machen. Als seien all die Berichte von Überlebenden, die aus den von den Chinesen als "Berufsausbildungszentren" etikettierten Gefangenenlagern entkommen konnten, als seien Satellitenaufnahmen von den riesigen Haftanlagen noch nicht genug. Als reiche es, von "unvorstellbarem Leid" zu sprechen, um es auch sofort ins Feld des Unvorstellbaren zu versetzen, damit es niemanden bedrängt.

Das Perfide der Gewalt ist genau dokumentiert - was folgt daraus?

Dieser Tage hat nun der amerikanische Think-Tank New Lines Institute for Strategy and Policy einen Bericht zu der Situation der Uiguren in der Autonomen Provinz Xinjiang vorgelegt, der kaum ohne Unterbrechung zu lesen ist, weil einem angesichts des dort beschriebenen Spektrums und der Perfidie der Gewalt speiübel wird. Auf 55 Seiten wird so detailreich wie schonungslos aufgeschlüsselt, wie die Überwachung und Misshandlung der ethnischen Minderheit mutmaßlich entwickelt wurden. Der Bericht ist unterfüttert mit Zitaten aus offiziellen Anordnungen der chinesischen Führung, Reden von Präsident Xi Jinping, Statistiken und Dokumenten lokaler Behörden, Handlungsanweisungen für Kader paramilitärischer Einheiten, Aussagen primärer und sekundärer Quellen - und niemand kann nach der Lektüre dieses Berichts noch diese selbst-entlastende Floskel vom Unvorstellbaren wiederholen.

Das New Lines Institute for Strategy and Policy rekonstruiert die zunächst als Anti-Terror-Kampagne deklarierte totale Überwachung und soziale, kulturelle und psychische Unterdrückung der Uiguren von den ersten Plänen für Internierungslager im Mai 2013 bis heute. Es beginnt mit den Ausbau eines neototalitären Überwachungssystems in der Provinz Xinjiang aus Tausenden Kameras in Dörfern, an Straßenkreuzungen, in Moscheen. Von 2016 an wurden systematisch biometrische Daten gesammelt (Gesichts-Scans, Fingerabdrücke, DNA, Blutgruppen) und eingespeist in die polizeilichen Register. Zwischen 2016 und 2018 gaben, ausweislich offizieller Dokumente, einzelne Städte in der Autonomen Region Xinjiang bis zu 46 Millionen Dollar allein für Überwachungstechnologie aus. Parallel zu dem gespenstischen Abschöpfen noch der privatesten Daten durch digitale Software wurden Kader einer paramilitärischen Einheit in die Provinz gesandt, um uigurische Familien "zu besuchen" und nach Vorwänden für eine Verhaftung zu suchen. Als wäre das nicht schon willkürlich genug, wurde von Oktober 2016 an für Kader das Programm "Familie werden" (das Wörterbuch der rhetorischen Verkleidung der Gewalt verdiente eine eigene Kolumne) eingeführt: was als "interethnische Mischung" verklärt wurde, verpflichtete Kader, bei uigurischen Familien mindestens alle zwei Monate für fünf Tage einzuziehen, woraus gern Jahre wurden. Der Bericht führt in einer Fußnote eine Zeugenaussage an, die notorischen sexuellen Missbrauch und die Vergewaltigung von uigurischen Frauen durch die "Besucher" beschreibt.

Uigurische Frauen erleiden Zwangssterilisationen und Vergewaltigungen

Ohnehin sind die Fußnoten vielleicht das Quälendste an der Lektüre. Zum einen, weil sich in den Fußnoten die dichten Beschreibungen der Ausmerzung nicht allein der uigurischen Kultur und Religion, sondern der Misshandlung und Zerstörung der Menschen selbst findet. Dort finden sich die Details der mehr als 380 Internierungslager der Provinz, in denen vermutlich eine Million Uiguren körperlich und seelisch malträtiert werden. Dort finden sich die Geschichten der Zwangssterilisationen uigurischer Frauen. Dort findet sich das ganze Repertoire der Repressionen, mit denen eine Minderheit mutmaßlich darin gehindert werden soll, als Minderheit zu überleben. Zum anderen sind es vor allem die bibliografischen Angaben, die Zitate aus Zeitungsartikeln oder Blog-Einträgen, die Verweise auf digitale Archive und Plattformen, die Informationen über das Leid der Uiguren sammeln, die erschüttern. Aus den Fußnoten ergibt sich eine vielstimmige, jahrelange Anklage: Dies ist kein Verbrechen ohne Zeugen, dies ist kein Verbrechen im Verborgenen. Die Dokumente und Erzählungen liegen vor. Sie können geprüft und befragt werden, aber sie dürfen nicht länger ignoriert werden.

Die Forscherinnen und Forscher, deren Expertise in diesen Bericht des New Lines Institut eingeflossen ist, geben dem Verbrechen auch einen Namen: Genozid, gemäß der Genfer Konvention von 1948, Handlungen, die in der Absicht begangen werden, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. Welche Bedeutung diesem Wort zukommt, ist spätestens seit 1994 und dem Völkermord in Ruanda offenbar, als die internationale Gemeinschaft die sich abzeichnende Katastrophe als "Bürgerkrieg", als "internen Konflikt", als alles nur nicht als Genozid wahrnehmen wollte, weil das einen moralischen Imperativ zum Eingreifen mit sich gebracht hätte, das alle vermeiden wollten. Es mag skeptische Stimmen geben, die die Misshandlung der Uiguren nicht als Genozid einstufen würden. Aber die Debatte, in welcher Verantwortung die internationale Gemeinschaft genau steht, muss endlich engagierter geführt werden.

© SZ/kia
Zur SZ-Startseite
Kolumne von Carolin Emcke

Carolin Emcke, Jahrgang 1967, ist Autorin und Publizistin. Im Jahr 2016 wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Alle Kolumnen von ihr lesen Sie hier.

Lesen Sie mehr zum Thema