Friedrich Merz benutzt sie gerne – die Umschreibung für China als „Reich der Mitte“. Der Begriff klingt mystisch, poetisch und begegnet einem in jedem Anfängerkurs für Chinesisch. Das Schriftzeichen für Mitte zeigt ein Rechteck, das von einem senkrechten Strich durchzogen wird. Schlicht wie der Anspruch, im Zentrum zu stehen. Ursprünglich bezeichnete der Ausdruck die geografischen Lage kleiner Fürstentümer am Gelben Fluss, dem „Mutterfluss“ Chinas. 221 vor Christus einte der erste Kaiser diese Territorien zu einem Reich. In der Vorstellung seiner Eliten lag dort das politische und kulturelle Zentrum der Welt, umgeben von Barbaren. Spätestens seit Marco Polos Berichten ist das Reich der Mitte in Europa eine Projektionsfläche, je nach Zeitgeist für Bewunderung oder Verteufelung. Das Überlegenheitsgefühl zerbrach mit der gewaltsamen Ankunft der Kolonialmächte im 19. Jahrhundert. Das „Jahrhundert der Demütigung“ prägt bis heute Chinas Selbstbild und nährt den Anspruch, nie wieder schwach zu sein. Xi Jinpings Versprechen vom Wiederaufstieg zur Supermacht knüpft daran an: Es ist die propagierte Rückkehr ins Zentrum der Welt, verdichtet im Schlagwort vom „Chinesischen Traum“.
Aktuelles LexikonWoher kommt der Begriff „Reich der Mitte“?

Diese gängige Umschreibung für China gründet auf der geografischen Lage kleinerer Fürstentümer, aus denen im 3. Jahrhundert vor Christus ein Reich wurde.
Von Lea Sahay