CDU:Schonungslos platt

Die Union in Nordrhein-Westfalen verpasst die Chance, die Fehler ihres einstigen Spitzenmannes Armin Laschet zu benennen.

Von Roman Deininger

Man könnte glauben, die CDU sei derzeit mit der Bewältigung sehr gegenwärtiger Probleme gut ausgelastet. Dennoch ist am Wochenende unter den Christdemokraten eine Art Historikerstreit ausgebrochen. Jens Spahn hatte als Lehrmeinung vorgeschlagen, dass die CDU sich in ihrer größten Krise seit 1945 befinde. Allzu steil ist die These nun nicht, was den scheidenden Parteichef Armin Laschet nicht davon abhielt, sie als "völligen Unsinn" zu verwerfen. Die CDU-Spendenaffäre sei eine noch gefährlichere Bedrohung gewesen, argumentiert Laschet, weshalb der Nachwuchsforscher Spahn "die Tassen im Schrank" lassen solle.

Ohne etwaigen Studien der Konrad-Adenauer-Stiftung vorgreifen zu wollen: Am Ende wäre es ziemlich egal, ob die CDU von der größten oder der zweitgrößten Krise ihrer Geschichte um den Status als Volkspartei gebracht wird. Der gescheiterte Kanzlerkandidat Laschet besitzt die grundsätzlich beneidenswerte Fähigkeit, auch am finstersten Gewitterhimmel die eine Wolke zu identifizieren, hinter der die Sonne schon aufs Durchbrechen wartet. Es sei doch knapp gewesen, sagt er, nicht mal zwei Prozentpunkte seien CDU und CSU hinter der SPD gelegen. Laschets Zahlen stimmen; seine Rechnung stimmt nicht. Wenn die mächtige Union bei einer Bundestagswahl nur noch 24,1 Prozent holt, dann darf selbstverständlich, na ja: keine Tasse im Schrank bleiben.

Die CDU hat eine schonungslose Wahlanalyse angekündigt. Wenn man ihren NRW-Landesparteitag, der Laschet einen würdigen Abschied bereitete, als Indiz nimmt, erschöpft sich die Schonungslosigkeit im bequemsten aller Urteile: Markus Söder ist schuld. Und sicher, die eingeschränkte Solidarität des CSU-Chefs war ein großes Problem für den Kandidaten Laschet. Aber das noch größere Problem dürften die Gleichgültigkeit und die Illoyalität vieler eigener Parteifreunde gewesen sein. Mal ganz abgesehen von einer in jeder Hinsicht ideenfreien Kampagne, die Historiker eher nicht zu den besten seit 1945 zählen werden.

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