Wer hat Spaß an gewagten Sätzen? Bitte, hier wäre einer: Drei Monate noch, und es wird in Deutschland zwei neue Ministerpräsidenten geben, Christian Baldauf und Susanne Eisenmann heißen sie.
Man müsste wirklich sehr viel Spaß an dieser Gewissheit haben, um auf die Idee zu kommen, die Union solle ihren Kanzlerkandidaten möglichst bald ausrufen, kurz nach der Wahl des CDU-Vorsitzenden im Januar. Alle anderen werden mit Blick auf Umfragen und Kalender zum Abwarten raten - so herkulisch die Aufgabe auch wäre, einen Bundestagswahlkampf mit lediglich vier, fünf Monaten Vorlauf zu planen; eine Kampagne, die zudem für den konservativen Merz ganz anders aussehen müsste als für dessen mittige Konkurrenten Laschet oder Röttgen oder den söderigen Söder.
In den Umfragen wird die Union zwischen 35 und 37 Prozent gehandelt. Praktisch alle, die sich professionell mit Demoskopie befassen, sind sich einig, wie dieser Wert zustande kommt: nicht dadurch, dass gut ein Drittel der Wählerschaft ihr Kreuz sowieso bei der Union machen würde, ganz gleich, mit wem diese antritt. Erst recht nicht dadurch, dass einer der in Rede stehenden Kandidaten eine solche Verheißung wäre, dass allein er CDU und CSU stabil so weit vorne hält. 20 Prozentpunkte Vorsprung gegenüber den Grünen sind es derzeit, der demoskopisch zweitstärksten Kraft. Auf die hohen Werte kommt die Union aus einem einzigen Grund: weil viele Bürgerinnen und Bürger sie nach wie vor mit Angela Merkel gleichsetzen. Etliche in der Union fänden es geradezu gut, Merkels Strahlkraft so lange wie möglich zu nutzen, bevor sich der Neue zwischen sie und die Wählerschaft schiebt.
Wer 20 Prozentpunkte vorne liegt, muss nicht im Winter zeigen, wen er hat, sondern im Frühjahr die Gefahren reduzieren
Womit man beim Kalender wäre. Am 14. März sind Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Gegen die populären Amtsinhaber Malu Dreyer (SPD) und Winfried Kretschmann (Grüne) treten für die CDU in Mainz der dortige Fraktionsvorsitzende Christian Baldauf und in Stuttgart die Kultusministerin Susanne Eisenmann an. Sollten sie scheitern - was wahrscheinlicher ist als ein Sieg -, hätte dies zwar landespolitische Gründe, würde aber bundespolitisch gewogen.
Gibt es bis zum 14. März noch keinen Kanzlerkandidaten, lässt sich die Interpretation absehen, dass Merkels Strahlkraft im Falle "profilloser" lokaler Spitzenleute nun mal nichts helfe. Geschenkt, aus Sicht von CDU und CSU. Gibt es aber dann bereits den Kandidaten, würde insbesondere ein mickriges Ergebnis auch ihm angelastet; nach dem Motto, ein Zugpferd ist er offenbar nicht. 2017 war es bei der SPD so: Erst reichte es im Saarland nicht zum erhofften Sieg. Dann ging unerwartet Schleswig-Holstein verloren, und eine Woche darauf NRW. Das war es dann damals mit dem "Schulz-Effekt".
Exakt diese Erwägung dürfte sich hinter Wolfgang Schäubles Wort verbergen, den Kandidaten "zwischen Ostern und Pfingsten" zu küren. Kalendarisch wäre dies zwischen dem 4. April und dem 23. Mai, politisch ab Anfang Mai - dann wäre auch die (für den 25. April vorgesehene) Wahl in Thüringen überstanden, wo die CDU eher auf Platz denn auf Sieg spielen wird. Wer 20 Prozentpunkte vorne liegt, muss nicht im Winter zeigen, wen er hat, sondern im Frühjahr die Gefahren reduzieren. Immer mehr Wähler treffen ihre Entscheidung ebenfalls erst kurzfristig. Aber es gibt etwas, das sie sich lange merken: Patzer.