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Marcus Grotian, Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V. -- wurde von M. Grotian per Mail geschickt, Tobi Matern klärt noch online-Freigabe

Marcus Grotian kümmert sich um afghanische Ortskräfte.

(Foto: Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte e.V.)

Marcus Grotian, Hauptmann der Bundeswehr, setzt sich für bedrohte Afghanen ein, die den Deutschen vor Ort halfen.

Von Tobias Matern

Das Verhältnis zur Wahrheit - für Bundesregierungen verschiedener Konstellationen war das im 20 Jahre währenden Afghanistan-Einsatz eine schwierige Angelegenheit. Erst galt es angeblich, Deutschlands Sicherheit am Hindukusch zu verteidigen, obwohl es eher darum ging, den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ein treuer Bündnispartner zu sein. Später herrschte in Afghanistan aus Sicht des Verteidigungsministers auch dann noch kein Krieg, als Bundeswehrsoldaten regelmäßig unter Beschuss gerieten. Und nun, nach dem Ende des Militäreinsatzes, betont die Bundesregierung, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein für die afghanischen Ortskräfte, die für die Deutschen übersetzt und gekocht haben. Von den derzeitigen Ministerinnen und Ministern müssten, gleicht man dieses Bekenntnis mit der Realität ab, zumindest diejenigen eine immer längere Nase bekommen, die stets betont haben, die Menschen in Afghanistan nicht im Stich zu lassen.

Nun treten Ehrenamtliche auf den Plan, um das Reden durch Handeln zu ergänzen. Marcus Grotian, 44, war selbst für die Bundeswehr als Panzergrenadier in Afghanistan, er weiß noch die exakte Dauer seines Einsatzes: 222 Tage. Grotian hat in Kundus die Arbeit der Ortskräfte schätzen gelernt: Er weiß, was es bedeutet, in einem Kriegseinsatz auf Menschen angewiesen zu sein, die einem die kulturellen Besonderheiten des Landes erklären, die auf Gefahren hinweisen können. "Ohne sie wäre der Einsatz deutlich schlechter verlaufen", sagt er.

"Es ist unsere Pflicht, die Ortskräfte jetzt herauszuholen."

Grotian erinnert sich noch genau an seine Zeit in Kundus. Er berichtet von einem Anschlag auf den Kommandeur des Lagers, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Er erinnert sich an einen Raketenbeschuss, der seinen Schlafbunker nur knapp verfehlt habe. Und er sieht manchmal noch heute vor seinem inneren Auge den US-Kampfhubschrauber, der plötzlich das Feuer auf Ziele im Nachbardorf eröffnet hat. "Es ist unsere Pflicht, die Ortskräfte jetzt herauszuholen, wir dürfen keine Zeit mehr verstreichen lassen", sagt Grotian. Nach dem Abzug der westlichen Truppen sind die Taliban auf dem Vormarsch. Nun fürchten sich vor allem die Ortskräfte vor der Rache der Islamisten. Grotian sagt, ihn erreichten täglich Anrufe von den ehemaligen Mitarbeitern der Deutschen, die Todesangst hätten.

Und Berlin? Weigert sich ministeriumsübergreifend, die einstigen Angestellten in von der Regierung bezahlten Maschinen auszufliegen oder zumindest den Antragsprozess für ihre Ausreise zu verschlanken. Für die Linienflüge von Kabul nach Deutschland sollen die Ortskräfte samt Familien selbst aufkommen. Daher sammelt Grotian, Hauptmann im Einsatzführungskommando, in der Freizeit mit seinem Verein "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" nun Spenden. Mit dem bisher eingenommenen Geld habe er in Kabul einen mit zwei Bunkern ausgestatteten, von bewaffneten Wachen geschützten Komplex gemietet, in dem 90 Ortskräfte und Familienmitglieder untergekommen sind. Die erste Monatsmiete dafür hat das "Zentrum für Politische Schönheit" bezahlt.

Doch dieses "Safe House" soll aus Grotians Sicht erst der Anfang sein. 2400 Visa hat die Bundesregierung bislang für Ortskräfte erteilt, erst 200 afghanische Ortskräfte und ihre Familien haben es aber tatsächlich bis Deutschland geschafft. Weitere 2000 Antragsberechtigte hat Grotian, der seit 25 Jahren bei der Bundeswehr ist, nach geltendem Recht gezählt, die den langen Visumsprozess durchlaufen müssen. Und dazu kommen aus seiner Sicht noch 4000 ehemalige Ortskräfte, die bislang durch das Berliner Regelraster fielen, und weitere 1000 Menschen, die für Subunternehmer der Deutschen gearbeitet haben und gar kein Recht auf Ausreise genießen. Grotian will mit seinem Verein Flugtickets für die Ortskräfte kaufen; wer von ihnen nicht nach Deutschland kommen darf, soll nach Dubai gebracht werden. "Die Politik hat die Ortskräfte einfach zurückgelassen", sagt er. Nun sei es Zeit, die Fahrer, Köche und Übersetzer in Sicherheit zu bringen. "Bevor es zu spät ist."

© SZ/jkä
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