Koalitionsoptionen:Hochmut im Umfragetief

Vierkampf im TV zur Bundestagswahl: Janine Wissler, Christina Lindner, Alexander Dobrindt, Alice Weidel (von links)

Janine Wissler, Linke-Parteivorsitzende, Christian Lindner, FDP-Parteivorsitzender, Alexander Dobrindt, CSU-Landesgruppenchef und Alice Weidel, AfD-Fraktionsvorsitzende kurz vor der ARD-Livesendung.

(Foto: dpa)

Nach dem Triell hat auch die chaotische Diskussion mit den vier kleineren Parteien gezeigt: Die Bildung einer Regierung wird schwierig. Vor allem die Union sitzt noch immer auf dem hohen Ross.

Kommentar von Peter Fahrenholz

Wer geglaubt hat, mit dem schwach geleiteten zweiten Triell schon das größtmögliche Moderationsunglück des öffentlich-rechtlichen Fernsehens erlebt zu haben, wurde einen Tag später belehrt, dass alles auch noch schlimmer kommen kann. ARD und ZDF luden Vertreter jener vier Parlamentsparteien ein, die keinen eigenen Kanzlerkandidaten nominiert haben. Wobei die Teilnahme der CSU sehr verwunderlich ist, wo sie doch eben erst auf ihrem Parteitag versichert hat, dass Armin Laschet tatsächlich der gemeinsame Kanzlerkandidat der Union ist.

Sollten sich unentschlossene Wählerinnen und Wähler neue Erkenntnisse erhofft haben, hat ihnen dieser Vierkampf, den man vermutlich künftig Quadriell nennen muss, nur wenig gebracht. Wer sich beide Diskussionen, die unmittelbar hintereinander liefen, angesehen hat, wird sich eher die Frage stellen, ob solche Formate angesichts der ohnehin herrschenden Inflation an Talkshows und allen möglichen Sondersendungen zur Wahl nicht völlig überflüssig sind.

In der ZDF-Runde wurden zwar die hinreichend bekannten Positionen der Parteien mit der üblichen gegenseitigen Herabsetzung ausgetauscht. Aber immerhin gelang es dem Moderator Matthias Fornoff, diese ewige Wiederkehr des Gleichen pannenfrei und strukturiert über die Bühne zu bringen. Bei der ARD dagegen dürfte die Viererrunde mit FDP, CSU, Linken und AfD als eine der schwärzesten Stunden der Politikberichterstattung eingehen. Ein chaotisches Geschrei, bei dem sich die Teilnehmer ständig ins Wort fielen, mit einem hoffnungslos überforderten Moderatoren-Duo, das selbst immer mitdiskutieren wollte, statt die Streithammel zur Räson zu bringen. Warum müssen sich bei solchen Sendungen eigentlich immer die Hierarchen der Sender vordrängeln, statt einem erfahrenen Könner wie etwa Frank Plasberg das Feld zu überlassen?

Die Linke Janine Wissler will die Nato abschaffen

Immerhin gab es am Ende einige interessante Aufschlüsse, wie schwierig die Regierungsbildung werden wird, egal, wer am Ende knapp vor wem liegt. Die Linke Janine Wissler schlug mit ihrem hochgereckten Daumen auf die Frage, ob die Nato abgeschafft werden soll, die Tür für ein Linksbündnis mit einem lauten Knall zu, da helfen auch alle Schalmeienklänge Richtung SPD und Grüne nichts. Und FDP-Chef Lindner legte sich auch auf Nachfragen nicht fest, ob er bei einem Ampelbündnis mitmacht, hielt sich mit dieser Antwort diese Tür aber natürlich offen.

Am schwersten, das zeigte auch dieser Vierkampf, tut sich die Union mit den neuen Kräfteverhältnissen. Die Warnung vor einem Linksbündnis gehört gewissermaßen zur Unionsfolklore. Aber dass Unionspolitiker wie Friedrich Merz oder Markus Söder von der FDP verlangen, eine Ampelkoalition auszuschließen, ist anmaßend und unverschämt. Man verlangt vom eigenen Wunschpartner, die Zusammenarbeit mit der anderen Volkspartei zu verweigern, mit der man selbst zwölf Jahre lang zusammen regiert hat.

Und die Weigerung, auch als Juniorpartner für ein wie auch immer geartetes Bündnis zur Verfügung zu stehen, der SPD diese Rolle aber wie selbstverständlich als Option anzubieten, zeugt vom alten Hochmut der Union, einen quasi natürlichen Anspruch aufs Kanzleramt zu haben. Dieser Hochmut kann nach der Wahl leicht in der Opposition enden. Aber vielleicht tut das CDU und CSU ja auch mal ganz gut.

© SZ/kia
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