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Grüne vor Bundestagswahl:Schön am Boden bleiben

Grüne beraten auf Online-Parteitag über Wege aus Corona-Krise

Seit Januar 2018 das Duo an der Grünen-Parteispitze: Robert Habeck und Annalena Baerbock (Archivbild)

(Foto: dpa)

Baerbock oder Habeck? Die Grünen drücken sich vor einer Antwort auf die Frage, wer für das Kanzleramt kandidieren soll. Aber dafür gibt es gute Gründe.

Kommentar von Constanze von Bullion

Nun hat also das große Herumeiern begonnen. Seit Olaf Scholz seine Kanzlerkandidatur verkünden ließ, geraten die Konkurrenten der SPD unter Druck, ihrerseits eine Kandidatin oder einen Kandidaten fürs Kanzleramt zu benennen. Die Union wird nervös, weil kein Mensch weiß, wer Angela Merkel beerben soll.

Aber auch die Grünen geraten in Verlegenheit. Sie werden jetzt wieder bei jeder Gelegenheit gefragt, ob Annalena Baerbock oder Robert Habeck den Wahlkampf anführen soll - und wann? Um die Antwort wird dann herumgeschwafelt. Vorteilhaft für die Grünen wirkt das nicht, doch ist es unvermeidlich.

Mal abwarten, gemach, ist ja noch Zeit: So wimmelte Parteichef Robert Habeck die K-Frage am Wochenende ab. Man kämpfe um Platz eins, also gegen die Union. Ebenso stoisch wehrte die Parteivorsitzende Annalena Baerbock die Personalfragen am Montag ab. Die Grünen stünden für Inhalt, Inhalt, Inhalt. Damit seien sie bisher doch bestens gefahren.

Richtig ist, dass die Baerbock-Habeck-Partei ihren Sinkflug zu Beginn der Coronakrise vorerst hat abfangen können. Meinungsforscher sehen sie bei bis zu 20 Prozent. Das ist weniger als zu Jahresbeginn, als die Grünen der Union im Nacken saßen. Aber es ist zu viel, um den Anspruch auf eine grün geführte Bundesregierung aufzugeben.

Die grüne Kampfansage an die Union, die kein "Abo" aufs Kanzleramt habe, wie Habeck es nannte, wirkt erfrischend nach gefühlten Äonen christdemokratischer Regierung. Dennoch standen die grünen Chancen schon mal besser. Bleibt die Partei so weit hinter der Union wie zurzeit in den Umfragen, werden weder Baerbock noch Habeck ins Kanzleramt einrücken. Kommt eine zweite Coronawelle, die erneut die Exekutive stärkt, könnten die Grünen 2021 hinter der SPD ins Ziel gehen. Dann bliebe auch ein grün geführtes Linksbündnis Illusion.

Immer schön am Boden und bei den Sachfragen bleiben - das mag nach Hinhaltetaktik aussehen, ist strategisch aber durchaus angebracht bei den Grünen. Denn nur, wenn sie auch im nächsten Jahr noch zweitstärkste Kraft sind, wollen sie sich tatsächlich fürs Kanzleramt bewerben. Und es gibt einen weiteren, guten Grund, sich das Tamtam um die Kanzlerkandidatur noch vom Leib zu halten.

Uneingelöst ist das Versprechen, People of Colour nach vorn zu rücken

In einer Partei, in der Frauen den ersten Zugriff auf Posten haben, kann die Kanzlerkandidatenfrage nicht übers Knie gebrochen werden. Habeck mag der Publikumsliebling sein. Aber ohne die grünen Frauen und die Zustimmung von Annalena Baerbock wäre sein Griff nach dem Spitzenposten zum Scheitern verurteilt. Das wusste auch Joschka Fischer, der erst die Parteifreundinnen bezirzte, bevor er sich zum alleinigen Spitzenkandidaten ausrief.

Zurück aufs Arbeitsdeck, heißt es also für die Grünen. Denn hinter dem Mantra "Inhalt, Inhalt, Inhalt" stecken viele offene Fragen.

Wie will die Partei konservative Wähler gewinnen, ohne die linke Parteijugend zu verprellen? Woher kommt ökonomische Kompetenz im Fall einer Wirtschaftskrise? Was wird aus der humanitären Flüchtlingspolitik unter Schwarz-Grün? Gut möglich, dass sie entschlossenerer Klimapolitik geopfert wird.

Uneingelöst ist auch das Versprechen, People of Colour in der Partei nach vorn zu rücken und für ein zeitgemäßes Bild vom Deutschsein zu kämpfen. Stärkste Kraft im progressiven Lager, wie die Grünen es nennen, wird eine Partei nicht per Selbsternennung. Es muss dafür härter angepackt werden.

© SZ vom 18.08.2020/odg
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