Jugend vor der Wahl:Die schaffen das nicht allein

Erstwähler bei der Bundestagswahl (Symbolbild)

Historisch gesehen ist es nicht selbstverständlich, dass die Jugend optimistisch ist, gerade für diese Generation ist das überraschend.

(Foto: Emma Maiwald; Collage SZ)

Zwei Drittel derjenigen, die zum ersten Mal wählen dürfen, schauen optimistisch in die Zukunft. Wie erstaunlich. Wie schön. Wie heikel.

Kommentar von Mareike Nieberding

Sie lagen wahrscheinlich längst in ihren Kinderbetten, als sich die einzige Kanzlerin, die sie bis heute kennen, am Abend ihrer Wahl im Jahr 2005 live im TV nicht von einem gekränkten Mann beleidigen ließ. Inzwischen sind die Kinder von damals erwachsen; 2,8 Millionen von ihnen dürfen nun zum ersten Mal einen Bundestag wählen. Sie kommen, wenn Merkel geht. Einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag des SZ-Magazins zufolge sind diese Erstwählerinnen und Erstwähler zwar in der Mehrheit keine CDU-Wähler, aber Kinder "ihrer" Kanzlerin sind sie schon. Man könnte sie sogar als Generation "Wir schaffen das" bezeichnen, so optimistisch und so wenig ängstlich wie die meisten von ihnen sind: Zwei Drittel schauen hoffnungsvoll in die Zukunft, ein Drittel glaubt sogar, dass es ihnen finanziell einmal besser gehen wird als ihren Eltern.

Historisch gesehen ist es nicht selbstverständlich, dass die Jugend optimistisch ist, gerade für diese Generation ist das überraschend. In Anbetracht der Klimakrise, die ihre Lebensgrundlage und auch sie selbst direkt bedroht, die einen Umbau aller Lebensbereiche und damit eine enorme gesellschaftliche Kraftanstrengung brauchen wird - und die, ja, auch Verzicht nötig macht.

Die Zukunft ist eine Zumutung. Daher ist es gut, dass die Jugend hierzulande optimistisch ist. Denn was ist Optimismus, wenn nicht der Glaube daran, dass ein besseres Leben, dass Veränderung möglich ist Aber damit Optimismus nicht in naive Zuversicht kippt, müssen aus ihm Taten erwachsen. Dabei helfen kann eine Erfahrung, die zuletzt viel beschworen wurde und doch existenziell bleibt: Selbstwirksamkeit. Das Gefühl, gemeinsam mit anderen einen Unterschied machen zu können. Diese Lektion hat diese Generation, die auch die Generation Greta ist, längst gelernt.

Nur 4,6 Prozent aller Wahlberechtigten sind das erste Mal dabei

Nur, allein wird das nicht reichen: Weil es auch die andere Seite braucht, es braucht das Wissen und in gewisser Weise die Versicherung, dass Veränderungen im Falle der Jüngeren, die im Jahr 2050 selbst gerade mal 50 Jahre alt sein werden, nicht nur überlebensnotwendig sind, sondern auch politisch umsetzbar. Nichts zerschellt schneller als der Optimismus der Jugend an den Machbarkeitssorgen der Älteren und Ältesten - sie haben die Macht, alles zu blockieren. Denn die Jugend ist radikal in der Unterzahl.

Die Erstwählerinnen und Erstwähler machen gerade mal 4,6 Prozent aller Wahlberechtigten aus. Für 4,6 Prozent macht keine Partei Politik. Die schaffen das nicht allein.

Doch in gut einer Woche haben ja nicht nur die Erstwählerinnen und Erstwähler die Wahl. Sondern auch ihre Geschwister, Eltern, Großeltern, der ganze Mittelbau, der dieses Land so reich und diese Gesellschaft in Zukunftsfragen so träge macht. "Fridays for Future" fordert nun mit Prominenten wie Jan Delay oder Annette Frier: "Oma, schenk mir deine Stimme!" Eine Jugendpartei steht nicht auf dem Wahlzettel, auch ist Jugend nicht gleich Jugend, je nach Herkunft, Bildung, Kontostand. Aber wer zweifelt, was die eigenen Kinder und Enkelkinder sich für ihre Zukunft wünschen, der kann sie ja einfach mal fragen. Das Grundgesetz steht einem da nicht im Weg, die Wahl ist "allgemein, unmittelbar, frei, gleich und geheim". Dass man nicht großzügig sein und seine Stimme den kommenden Generationen zum Geschenk machen darf, davon steht da nichts.

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