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100 Tage Brexit:Arrangieren

Die EU muss damit leben lernen, dass Großbritannien nicht auf Partnerschaft setzt, sondern Wettbewerb.

Von Björn Finke

Der Umgang miteinander nach der Scheidung wird nicht einfach - das ist nach 100 Tagen klar. Seit Jahreswechsel ist der EU-Binnenmarkt eine Veranstaltung ohne Großbritannien; stattdessen regelt ein Handelsvertrag die wirtschaftlichen Beziehungen. Geschäfte über den Ärmelkanal sind nun schwieriger, die Exporte brechen ein. Und für Nordirland, wo weiter EU-Vorschriften gelten, streitet Brüssel mit London über neue Zollbürokratie. Zugleich lässt sich die Kommission provokant viel Zeit damit, britischen Banken wieder besseren Zugang zum Binnenmarkt zu gewähren.

Viele dieser Spannungen ließen sich mildern, wenn London auf einen konzilianteren Kurs umschwenken würde. Die britische Regierung könnte garantieren, sich bei der Finanzmarktregulierung oder den Lebensmittelstandards weiter eng an EU-Regeln anzulehnen. Das würde die Probleme verringern, für die Banken oder bei Lieferungen aus England, Wales und Schottland nach Nordirland. Doch darauf darf die EU nicht hoffen: Der Brexit war ein schmerzhafter Prozess für die Briten - und deren Premier wird die frisch gewonnene Freiheit nicht direkt wieder aufgeben, indem er sich erneut an Brüssel bindet. Stattdessen will er die Freiheit kreativ nutzen.

Daher muss die EU mit einem Rivalen direkt vor der Haustür leben lernen, der nicht auf Kooperation, sondern auf Wettbewerb setzt. Mit diesem Rivalen muss sie zugleich bei vielen Themen eng zusammenarbeiten, etwa in Nordirland. Nötig dafür ist Vertrauen. Nach den jüngsten Querelen ist das gerade knapp. Das ist schlecht - und muss sich schnell ändern.

© SZ
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