Das Braunkehlchen stirbt aus, und kaum jemand nimmt davon Notiz. Wer braucht schon Vögel, Wiesen und Insekten, wenn er auch Gewerbegebiete haben kann? Die einfache Antwort: Wir Menschen brauchen sie. Das Ökosystem, zu dem wir alle gehören, ist wie ein großes Netz, in dem jede Art einen Knoten bildet. Es ermöglicht auch unser Leben. Sterben zu viele Arten aus, wird das Netz löchrig, reißt schließlich.
Derzeit sprechen alle über die Vogelgrippe, aber jetzt im Herbst, zur Zeit des Vogelzugs, wird noch etwas anderes sichtbar: Wie viel schon verloren ist. Die großen Vogelschwärme, die noch vor 30 Jahren auch in Deutschland anzutreffen waren, sind fast völlig verschwunden, wie 98 Prozent der Wiesen, auf denen ganz von selbst bunte Blumen wachsen, die Wildbienen und Schmetterlinge ernähren. Sie sind unter Straßen, Industriebauten und Siedlungen begraben oder zu Grasäckern geworden, die so früh und so oft gemäht werden, dass nichts mehr blüht. Kein Platz mehr für Braunkehlchen, Kiebitz und Rebhuhn. Jüngere Menschen halten die relative Leere der Landschaften, von Teichen und Flüssen für völlig normal– sie haben ja nie den Reichtum all der Insekten, Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische erlebt, den es früher gab. Das Phänomen ist in der Wissenschaft als „Shifting Baseline“ bekannt: Es verhindert, dass auffällt, was schon alles fehlt. Natur war in der Menschheitsgeschichte lange im Überfluss vorhanden. Waren die Lebensgrundlagen eines Gebiets ausgebeutet, zogen die Menschen weiter.
Ohne Muscheln gäbe es kein Trinkwasser
Nun aber ist ein Punkt erreicht, an dem die unterschiedlichen Belastungen kulminieren. Wie beim Braunkehlchen, dem nicht nur Lebensraum und Nahrung fehlen. Es erleidet auf dem Vogelzug hohe Verluste – durch die Jagd, die in einigen EU-Ländern noch legal ist und anderswo illegal betrieben wird. Aus dem öffentlichen Bewusstsein ist dieser Skandal fast völlig verschwunden. Und die Zerstörung der Natur geht weiter – als könnte die Menschheit ohne ihre biologische Umwelt überleben, auf diesem noch immer vielerorts hinreißend schönen Planeten. Doch das ist ein gewaltiger Irrtum. Denn in der Biologie hängt alles mit allem zusammen, und wir Menschen sind mittendrin. Der Sauerstoff, den wir atmen, stammt von Pflanzen und Mikroorganismen. Andere Mikroorganismen, Pflanzen und Muscheln bereiten das Wasser so auf, dass wir es trinken können. Wälder schützen im Gebirge vor Lawinen und Steinschlag, Korallenriffe und Mangrovenwälder an den Küsten vor der Gewalt der Meere. Beide sind zudem Nahrungsgrundlage von Millionen Menschen.
Leicht vergessen werden die Abfallbeseitiger: Pilze, Würmer, Käfer, Asseln. Sie arbeiten allen organischen „Müll“ auf, zur Grundlage für neues Wachstum – vom Baumstamm über tote Körper bis zu menschlichen und tierischen Ausscheidungen. Ohne fruchtbaren Boden wird Landwirtschaft unmöglich – eine riesige Gefahr für das Überleben der Menschheit. Selbst wenn es möglich wäre, alle Leistungen des Ökosystems durch technische Prozesse zu ersetzen – es käme sehr viel teurer als vernünftiger Natur- und Umweltschutz.
Und können Menschen überhaupt glücklich sein in einer Umwelt ohne Natur? Zahlreiche Studien zeigen: Diese ist notwendig, um psychisch gesund zu bleiben. Durch noch so viel Technik ist die echte Freude nicht zu ersetzen, die man in der Natur empfindet – sei es im Wald, beim Bergsteigen, am Wasser, oder wenn ein Braunkehlchen sein Morgenlied schmettert.

