Profil:Michelle Bolsonaro

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Profil: Plötzlich wichtig: Brasiliens Präsidentengattin Michelle Bolsonaro bei einer christlichen Veranstaltung in Rio de Janeiro, 13. August 2022.

Plötzlich wichtig: Brasiliens Präsidentengattin Michelle Bolsonaro bei einer christlichen Veranstaltung in Rio de Janeiro, 13. August 2022.

(Foto: Bruna Prado/AP)

Brasiliens First Lady und "Geheimwaffe" im Wahlkampf ihres Mannes.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Vielleicht ist Michelle Bolsonaro die größte Überraschung im brasilianischen Wahlkampf. Knapp zwei Monate sind es noch, bis Südamerikas größtes Land Anfang Oktober über einen neuen Präsidenten abstimmt. Die meisten Kandidaten sind dabei gut bekannt, und echte Chancen haben ohnehin nur zwei, Luiz Inácio Lula da Silva und Jair Bolsonaro, ein Ex-Präsident gegen das amtierende Staatsoberhaupt. So weit, so wenig überraschend.

Umfragen sagen Lula einen komfortablen Vorsprung voraus, 47 Prozent der Brasilianer wollen für den Kandidaten der linken Arbeiterpartei stimmen, nur knapp 29 dagegen für den ultrarechten Amtsinhaber. Doch Meinungsforscher können sich irren, und während Lula in den Umfragen stagniert, gewinnt Bolsonaro langsam, aber sicher Stimmen hinzu - und das vor allem bei einer Wählergruppe: den Frauen.

Das ist durchaus überraschend, denn bisher war der rechte Politiker bei den Brasilianerinnen eher unbeliebt. Der ehemalige Hauptmann der Fallschirmjäger ist berühmt für markige Sprüche, anzügliche Witze und abwertende Bemerkungen über das Aussehen von weiblichen Abgeordneten. Vier Söhne hat Bolsonaro, dazu noch eine Tochter. Ihre Geburt nannte er einmal einen "Moment der Schwäche", ein Scherz, über den viele Frauen im Land nicht wirklich lachen konnten. Als Jair Bolsonaro 2018 das erste Mal für die Präsidentschaft kandidierte, gingen sie unter dem Motto "#Ele Não" auf die Straße: Er nicht. Nun aber soll ausgerechnet die weibliche Wählerschaft Bolsonaro zum Sieg verhelfen, und vor allem eine Frau spielt dabei eine Schlüsselrolle: Michelle Bolsonaro.

40 Jahre alt ist Brasiliens First Lady, und sie hielt sich - von ein paar wenigen Ausnahmen einmal abgesehen - bisher eher im Hintergrund. Ein paar offizielle Termine, ein paar Staatsbesuche und dazu ein wenig ehrenamtliches Engagement: Michelle war die vergangenen Jahre meist nur die stille Frau an Jair Bolsonaros Seite.

Nun aber, mit der zweiten Kandidatur ihres Ehemannes, ist alles anders. Auf einmal steht Brasiliens Präsidentengattin ganz vorne auf der Bühne. Als Jair Bolsonaro Ende Juli bei einer Veranstaltung in Rio offiziell seine Kandidatur für die Präsidentschaft bekannt gab, war sie es, die die Eröffnungsrede hielt und dessen angebliche Errungenschaften für die Brasilianerinnen lobte: "Er ist der Präsident, der die meisten Gesetze zum Schutz der Frauen erlassen hat", rief sie in die Menge.

Als "Ass im Ärmel" und als "Geheimwaffe" wird Michelle Bolsonaro nun immer öfter bezeichnet. Sie selbst gibt sich als treue Gattin und tiefgläubige evangelikale Christin. Ihr Mann sei ein Werkzeug Gottes, sagt sie, und auf ihren Social-Media-Profilen postet die 40-Jährige Videos von abendlichen Gebeten im Präsidentenbüro.

Michelle Bolsonaro kommt aus einfachen Verhältnissen. Geboren und aufgewachsen ist sie in Ceilândia, einem tristen Vorort von Brasília: Hier wohnen die Putzkräfte und die Kellner, die in der Hauptstadt die reichen Politiker und Unternehmensbosse bedienen. Michelle Bolsonaros Vater war ein Busfahrer, sie selbst arbeitete als PR-Agentin und Verkäuferin. Dann, mit Anfang zwanzig, bekam sie einen Job als Sekretärin im Parlament. Dort lernte sie 2007 den Abgeordneten Jair Bolsonaro kennen, sie war 25 und schon Mutter einer Tochter, er 52 und schon zweimal verheiratet. "Es ging dann alles ganz schnell", sagte sie 2018 in einem TV-Interview: "Wir haben uns kennengelernt, verliebt und nach fünf Monaten geheiratet."

Immer wieder war Michelle Bolsonaro in der Vergangenheit auch in Skandale verwickelt, wegen schwarzer Kassen und privater Reisen auf Staatskosten. Ihrem Image hat all dies aber nicht geschadet, und genau davon soll ihr Mann nun profitieren: Frauenpower statt Machogehabe als Schlüssel zum Sieg bei den Wahlen im Oktober.

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