Grüne:Boris' Taten, Palmers Worte

Lesezeit: 1 min

Der Oberbürgermeister von Tübingen wird nicht mehr für seine Partei antreten. Das wäre dann doch zu seltsam gewesen.

Kommentar von Detlef Esslinger

Nach allem, was man hört und liest, ist Boris Palmer als Oberbürgermeister von Tübingen sehr gut und als grüner Parteikollege kaum zu ertragen. Am Dienstag gab er bekannt, nicht mehr für seine Partei bei der OB-Wahl im Herbst zu kandidieren; ob er es als Unabhängiger versuchen wird, ließ er offen. Zur Begründung führte Palmer sein anstehendes Parteiausschlussverfahren an. Er sagt, es wäre logisch und sachlich unmöglich, von den Grünen nominiert und ausgeschlossen zu werden. Das dürfte mal eine Feststellung von ihm sein, die niemanden entgeistert.

Boris Palmer ist so rätselhaft. Seine Freunde betonen, wie genuin grün er sei: den Kohlendioxid-Ausstoß in seiner Stadt um ein Drittel gesenkt, bei der Integration von Migranten höchst effektiv, alte Menschen in der Pandemie besonders gut geschützt. Diejenigen wiederum, die ihn loswerden wollen, halten ihm all seine Äußerungen vor. Wie er einen schwarzen Fußballer mit dem N-Wort belegte. Wie er sagte, von Asylbewerbern dürfe man erwarten, dass sie sich gesetzestreuer verhielten als Deutsche. Wie er zu Beginn der Pandemie beklagte, man rette möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären. Ein erheblicher Verstoß gegen die Grundsätze der Grünen, wie es das Parteiengesetz für einen Ausschluss verlangt? Zumindest ist es nicht abwegig, das so zu sehen.

Es erstaunt sehr, wie jemand so reden und zugleich ganz anders handeln kann; wie einer zwar das Gespür für die richtige Tat hat, aber auch immer wieder fürs falsche Wort. Seine Freunde sagen, man solle ihn an seinen Taten messen - aber selbstverständlich muss man den Repräsentanten einer Kommune an beidem messen, an Taten und an Worten. Palmer steht mittlerweile in einer Reihe mit Thilo Sarrazin und Hans-Georg Maaßen, der eine wurde aus der SPD geworfen, beim anderen gibt es in der CDU die Forderung danach. Beide haben außer Zündeln nichts zu bieten, in solche Gesellschaft gehört Palmer nicht. Warum sucht er sie?

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB