USA:Es war einmal in Afghanistan

U.S. President Biden speaks about U.S. withdrawal from Afghanistan at the White House in Washington

So sieht man aus, wenn man etwas mitteilt, das kein Erfolg ist: Joe Biden am Donnerstagabend in Washington.

(Foto: EVELYN HOCKSTEIN/REUTERS)

Präsident Joe Biden verkündet das Ende des Einsatzes. Zwei Billionen Dollar hat der gekostet. Tausende sind gestorben. Und niemanden kümmert's.

Kommentar von Christian Zaschke

Betrachtet man es innenpolitisch, hat US-Präsident Joe Biden vermutlich den idealen Zeitpunkt gefunden, um das militärische Engagement in Afghanistan zu beenden. Die USA haben, wie der Rest der Welt, weiterhin mit der Pandemie zu tun, und das absehbar noch eine ganze Weile, weil erhebliche Teile der Bevölkerung sich nicht impfen lassen wollen. Das hat im weitesten Sinne auch politische Gründe, da besonders in den vorwiegend republikanischen Südstaaten viele Menschen die Impfung schon deshalb ablehnen, weil sie von einem demokratischen Präsidenten empfohlen wird.

Das Land leidet spürbar unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie, trotz der milliardenschweren Konjunkturprogramme. Die derzeit prägende gesellschaftliche Debatte ist eine über soziale Gerechtigkeit, zwischen Afroamerikanern, Latinos, Asiaten und dem Rest. Nicht zuletzt ist die politische Spaltung in den USA so ausgeprägt wie zuletzt zu Zeiten des Bürgerkriegs im 19. Jahrhundert. Afghanistan? Interessiert derzeit kaum jemanden.

Seit 20 Jahren waren US-Truppen dort im Einsatz. Der Krieg hat zwei Billionen Dollar gekostet. Tausende Amerikaner sind gefallen, Zehntausende Afghanen haben ihr Leben gelassen. Und das alles soll jetzt in den USA niemanden mehr kümmern? Exakt so ist es.

Was die Ortskräfte betrifft: Das Land wird sich seiner Verantwortung bewusst

Biden trifft mit dem Truppenabzug vor allem auf Gleichgültigkeit. Die Republikaner, unter deren Präsident George W. Bush der Krieg begann, nehmen bestenfalls Notiz davon. Eine politische Debatte findet nicht statt. Dabei stellen sich zwei wesentliche Fragen. Erstens: Werden die Amerikaner ihrer Verantwortung gegenüber all den Afghanen gerecht, die ihnen geholfen haben, als Übersetzer vor allem? Und zweitens: Was bleibt von diesem längsten Kriegseinsatz der amerikanischen Geschichte?

Bezüglich der afghanischen Helfer sieht es nun immerhin so aus, dass sich die USA ihrer Verantwortung doch noch bewusst werden. Sie wollen Tausende frühere und aktuelle Übersetzer in sichere Drittländer ausfliegen, während diese auf die Bearbeitung ihrer Visumsanträge warten. Das ist das Mindeste, weil viele von ihnen andernfalls unmittelbar mit dem Tod bedroht wären. Die Taliban, schon jetzt in weiten Teilen des Landes auf dem Vormarsch, werden den Helfern der USA gegenüber keine Gnade walten lassen.

Die übergeordnete Frage bezüglich der Nachhaltigkeit des Einsatzes lässt sich in ziemlicher Bündigkeit beantworten: Es bleibt nichts. Zwar haben die USA ihre beiden vorrangigen Ziele erreicht, nämlich den Einfluss der Terrorgruppe al-Qaida zu beschneiden und Osama bin Laden zu töten, aber dafür hätte es keinen 20 Jahre dauernden Großeinsatz gebraucht.

Afghanistan steht kein bisschen besser da als zu Beginn des Krieges. Der Versuch, in dem Land eine Demokratie nach westlichem Vorbild zu installieren, endet kläglich. Es ist anzunehmen, dass die Taliban nicht nur mit Macht, sondern auch mit der Wut von 20 Jahren zurückkommen.

Es ging nie darum, dass die USA sämtliche Probleme Afghanistans lösen. Doch wenn man jetzt zurückblickt, steht als Bilanz da, dass der Einsatz auf ganzer Linie gescheitert ist. Der Abzug, der sich gerade ebenso rasch wie leise vollzieht, ist ein offenes Eingeständnis davon.

© SZ
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