Profil:Petra Michaelis

Nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus Berlin - Landeswahlleitung

"Die irren Ausreden der Wahl-Chefin": Petra Michaelis, Berliner Landeswahlleiterin, steht nach den Pannen am Sonntag im Sturm der Kritik.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Viel geschmähte Wahlleiterin in Berlin.

Von Jan Heidtmann

Petra Michaelis wird zu den Verlierern der Wahlen gezählt, obwohl sie nicht einmal zur Abstimmung stand. Dafür hatte sie eine solche zu organisieren. Michaelis, 63, ist die Landeswahlleiterin von Berlin. Zwei Bundestags-, zwei Europa- und zwei Berlinwahlen hatte sie bis dahin bereits begleitet, diesmal fiel das Urteil eindeutig aus: Vom "Chaos am Wahltag" schrieben die Medien, das "einfach nur blamabel" gewesen sei. "Diese Wucht der Kritik hätte ich nicht erwartet", sagt Michaelis.

In der ganzen Republik las man zu diesem Zeitpunkt darüber, wie die Hauptstadt die Wahlen vergeigt hatte. Über Wartezeiten von bis zu zwei Stunden, von Wahlzetteln, die fehlten und nicht mehr beschafft werden konnten - wegen des Berlin-Marathons, der ebenfalls am Sonntag stattfand. In einigen Wahllokalen hätten Organisatoren deshalb angeboten, erst mal nur die Kandidaten zu wählen, zu denen es auch Unterlagen gab, hieß es in den sozialen Medien. Wahlscheine eines Bezirks sollen mit denen eines anderen vertauscht worden sein. Potenzielle Wähler, genervt vom Chaos und vom Warten, gingen unverrichteter Dinge heim.

Berlin, so der Tenor, habe wieder einmal unter Beweis gestellt, wie dysfunktional es sei. Selbst Klaus Lederer, Spitzenkandidat der Linken, verlangt nun eine neue Auszählung in seinem Wahlkreis Pankow. Dort hat er das Direktmandat für das Abgeordnetenhaus um gerade einmal 30 Stimmen verpasst. Ob es so weit kommen wird, wird sich erst nach dem 14. Oktober klären. Dann veröffentlicht Michaelis das amtliche Endergebnis, dann erst kann dagegen vorgegangen werden. "Ich gehe ganz stark davon aus, dass es zu Einsprüchen und Anfechtungen kommt", meint sie. Ob dann auch in manchen Bezirken neu gewählt werden müsse, das könne sie noch nicht sagen: "Wir müssen erst einmal eine Bestandaufnahme machen."

Zum Deppen der Nation erklärt

Als die Welt noch in Ordnung war, am Freitag zuvor, hatte Michaelis gesagt: "Ich wünsche mir, das alles ordnungsgemäß abläuft." Es blieb beim Wunsch. Dann erlebte sie im Schnelldurchlauf, wofür Armin Laschet zumindest ein paar Tage Zeit gehabt hatte: von einem eigentlich respektierten Menschen zum Deppen der Nation erklärt zu werden. Über die "irren Ausreden der Wahlchefin" höhnte die Boulevardzeitung BZ nach einem Auftritt von Michaelis vor der Presse.

Sie hatte da zu erklären versucht, was am Sonntag geschehen war, aber keine Erklärung gefunden. "Mir ist es auch unverständlich, warum in einigen Wahllokalen die Stimmzettel ausgegangen sind." Michaelis, die eigentlich für ihr bedächtiges und kontrolliertes Auftreten bekannt ist, wirkte selbst etwas überrumpelt. Der Sonntag "war eine Situation, die an Überforderung grenzte", sagt sie. "So einen Super-Wahltag hat es in der Geschichte der Stadt noch nicht gegeben."

Tatsächlich waren es gleich drei Wahlen und ein Volksentscheid, über den die Berliner abzustimmen hatten. Dazu kam der Berlin-Marathon, der den Verkehr in der halben Stadt lahmlegte. Ähnliches hatte vor ein paar Jahren schon einmal geklappt, trotzdem halfen diesmal 34 000 statt nur 20 000 Ehrenamtliche mit. "Ich ging davon aus, dass wir die Sache gemeinsam mit den Bezirkswahlämtern stemmen können", sagt Michaelis.

Michaelis ist seit 2010 Landeswahlleitern, ein Ehrenamt, dass sie als eine "Herzenssache" beschreibt. Auch ihre Tochter, die Schwester und ihr Neffe helfen regelmäßig bei Wahlen aus. In ihrem Brotberuf arbeitet die Juristin als Abteilungsleiterin beim Landesrechnungshof. "Mit meinem juristischen Sachverstand glaube ich, dass ich eine gute Landeswahlleiterin bin", sagt sie. Alle Kritiker, die ihre Eignung nach diesem Sonntag nun aber infrage stellen, könne sie beruhigen: "Ich organisiere ohnehin keine Wahl mehr." Zum nächsten Termin, der Europawahl 2024, sei sie längst in Pension.

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