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Bergkarabach:Ein politisches Trauma

Ein älterer Mann in Stepanakert, dem Hauptort von Bergkarabach

(Foto: ARIS MESSINIS/AFP)

Im Konflikt um Bergkarabach sind Aserbaidschan und Armenien in einem verheerenden Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt gefangen.

Von David Leupold

Neulich gingen Bilder des belgisch-armenischen Cellisten Sevak Avanesyan um die Welt, welcher inmitten der zerstörten Ghasantschezoz-Kathedrale ein Werk des armenischen Komponisten und Genozid-Überlebenden Komitas Vardapet spielt.

In einer Mischung aus Angst und Entsetzen fragte ein Nutzer auf Twitter: "Führt Aserbaidschan jetzt Krieg gegen Gott?" Videos syrischer Söldner im Guerilla-Look, welche offenbar auf Seiten Bakus kämpfen, stärken ein Bild, das sich vor allem in sozialen Medien zu verfestigen droht: das christliche Armenien im Kampf gegen die Barbarei eines von islamistisch-fundamentalistischer Ideologie getriebenen Aserbaidschans, welches im Schulterschluss mit der Türkei einen zweiten Völkermord anstrebt.

Im September ist im Südkaukasus der Konflikt um die Region Bergkarabach wieder entflammt. Die andauernden Kampfhandlungen rufen geopolitische Akteure auf den Plan: Während sich die Türkei auf die Seite Aserbaidschans stellte und Frankreich die armenische Position unterstützt, bemüht sich Russland, das mit beiden Ländern enge Beziehungen unterhält, ähnlich wie die USA und Deutschland bisher um Neutralität.

Tatsächlich besteht kein Zweifel daran, von welcher Seite die militärischen Aggressionen derzeit ausgehen. Da Armenien nach Ende der Kriegshandlungen 1994 nicht nur das mehrheitlich von Armeniern bewohnte Bergkarabach, sondern sieben weitere, mehrheitlich von Aserbaidschanern bewohnte Provinzen unter seine Kontrolle bringen konnte, kann nur Baku Interesse an einer Anfechtung des Status quo haben.

Völkerrechtlich beruft sich die aserbaidschanische Seite auf das Prinzip der territorialen Integrität und versucht den Krieg damit zu legitimieren, dass hier Staatsterritorium - Bergkarabach bildete einst eine Enklave der aserbaidschanischen Sowjetrepublik - aus den Händen armenischer Besatzer befreit wird.

Die armenische Seite kontert mit dem Wilson'schen Recht auf Selbstbestimmung, sieht in Karabach eine unabhängige Republik Arzach, die einst auf Stalins Geheiß unzulässig Aserbaidschan zugeteilt wurde und deren neue Souveränität es nun zu verteidigen gilt.

Jahrzehntelanges Zusammenleben wich der angeblichen Erzfeindschaft

Doch genügt ein Perspektivwechsel, um vertraute Schwarz-Weiß-Ansichten brüchig werden zu lassen. Nicht weit von der verwüsteten Ghasantschezoz-Kathedrale entfernt liegen die Ruinen zweier anderer Gotteshäuser: der Oberen und Unteren Gövher-Ağa-Moschee.

Bis zum Ausbruch des Bergkarabach-Konflikts 1988 war die zweitgrößte Stadt Bergkarabachs, von den Armeniern Schuschi und von den Aserbaidschanern Schuscha genannt, auch Heimat von mehr als zehntausend muslimischen Aserbaidschanern. Das mit Narben übersäte Stadtbild offenbart wie kaum ein anderes in der Region den Teufelskreislauf aus Gewalt und Gegengewalt. Doch wo liegt dessen Ursprung?

Als sich im Februar 1988 kurz vor Ausbruch des Karabachkriegs Menschenmassen auf dem Lenin-Platz der armenischen Sowjetrepublik versammelten, um eine Zusammenführung von Armenien und der Enklave Bergkarabach zu fordern, fielen Slogans, die auf den ersten Blick nicht ins Bild passten. Der Ethnologe Harutyun Marutyan stellte später fest, dass mehr als ein Drittel aller Protest-Plakate sich explizit auf den Völkermord an den Armeniern bezogen.

Ein Plakat verdeutlicht, wie der von der Türkei verleugnete Genozid im kollektiven Gedächtnis vieler Armenier mit anderen Gewalterfahrungen verknüpft war: "1915-1918-1920-1988 - Wer ist schuld?". Während 1915 einen klaren Verweis auf das Jahr des Genozids darstellt, beziehen sich 1918 und 1920 auf die Pogrome von Baku und Schuscha, welche von Aserbaidschanern an Armeniern in den Wirren des russischen Bürgerkrieges verübt wurden und 1988 auf den damals drohenden interethnischen Konflikt.

Die traumatischen Erfahrungen beider Seiten wurden so auch zu einem Prisma, durch das das Gegenwärtige wahrgenommen wurde. Erfahrungsraum und Erwartungshorizont verschmolzen und schafften ein Zerrbild der Gegenwart, in der sich die Gewalt der Vergangenheit zu wiederholen schien.

Als auf dem Höhepunkt der Spannungen im Februar 1988 die Nachricht in die armenische Hauptstadt vordrang, dass Armenier in der Stadt Sumgait von einem aserbaidschanischen Mob getötet worden waren, blitzten die Schreckensbilder der Vergangenheit wieder auf und ließen die Gegenwart so aussehen, als befänden sich die Armenier im Kielwasser eines neuen Völkermordes.

Die Jahrzehnte währende Erfahrung des Zusammenlebens wich der Ansicht, man habe es hier nicht mit einem sowjetischen Brudervolk zu tun, sondern dem historischen Erzfeind.

Es drohen ethnische Säuberungen in der ansässigen armenischen Bevölkerung

Es war diese existenzielle Furcht, die die Mehrheit der sowjetisch-armenischen Bürger in die Hand nationalistischer Hardliner trieb; diejenigen, die glaubten, dass die Bergkarabach-Frage nur eine militärische Lösung kenne, und diejenigen, die glaubten, dass die Armenier in der heutigen De-facto-Hauptstadt Stepanakert nie sicher sein würden, solange Aserbaidschaner in der weiter oben gelegenen Felsenstadt Schuscha über ihnen thronten.

Die fatalen Folgen des Krieges sind bekannt: Zehntausende Tote, die vollständige Vertreibung von Aserbaidschanern aus Armenien und der Bergkarabach-Region sowie Armeniern aus Aserbaidschan. 26 Jahre später ist der Krieg nun zurück. Was droht, mag zwar kein zweiter Völkermord sein, aber eine weiträumige ethnische Säuberung der in Karabach ansässigen armenischen Bevölkerung.

Doch nicht alle wollen im Kampf der Völker im Südkaukasus mitspielen. Anfang Oktober stellte sich eine Gruppe junger Linker aus Aserbaidschan entschieden gegen den Angriffskrieg ihrer Regierung - staatlichen Repressalien zum Trotz.

Zwei Wochen später folgen ihnen ähnlich gesinnte Armenier mit einer Friedensresolution, in der sie der Rhetorik ihrer Regierung eine Absage erteilen und sich für einen Kompromiss aussprechen, der die Interessen von Karabach-Armeniern und aserbaidschanischen Flüchtlingen berücksichtigt. Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev und der armenische Premier Nikol Paschinjan sollten sich ein Beispiel nehmen.

David Leupold ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Zentrum Moderner Orient. Er lebte mehrere Jahre in Armenien und der Türkei.

© SZ/fzg/odg

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