Süddeutsche Zeitung

Kolonialismus:Wo der Thron zu Hause ist

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Deutschland gibt die einst von englischen Soldaten geraubten Benin-Bronzen an Nigeria zurück. Trotz mancher Ungewissheiten ist dieser Schritt überfällig.

Kommentar von Bernd Dörries

Als der König von Benin im heutigen Nigeria im Jahre 1935 höflich in Deutschland nachfragte, ob er denn den Thron seiner Vorfahren wiederhaben könne, den einst die Engländer geraubt und die preußischen Museen gekauft hatten, da bekam der König aus Berlin das Angebot, man könne eine Kopie des Thrones anfertigen - gegen volle Übernahme der Kosten natürlich. Die Kopie steht heute im Museum von Benin-Stadt, gleich am Eingang, zu ihrer Geschichte findet sich kein Wort, fehlt jede Erwähnung der 1582 Mark, die die Staatlichen Museen Berlin in Rechnung stellten.

Fast einhundert Jahre später gehört der Thron wieder Nigeria, das ihn trotz der Demütigung erst einmal dem Humboldt-Forum in Berlin überlässt, obwohl man Gründe hätte, es nicht zu tun, nach so langer Zeit. Dass die Raubkunst zu Unrecht nach Deutschland gekommen war, ist eine Erkenntnis, die man auch schon im Jahr 1935 hätte haben können. Es dauerte aber noch viele Jahrzehnte, bis sich auch die deutschen Museumsdirektoren dazu durchringen konnten. Einer der obersten Bremser war lange Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der noch 2018 fragte, "ob Afrika heute nicht drängendere Probleme hat". Am Donnerstag hat Parzinger seine Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt, mit dem 512 Benin-Bronzen an Nigeria zurückgegeben werden. Auf die Frage, wie es zu seinem Meinungsumschwung kam, sagte er, dass sich die gesellschaftliche Diskussion verändert habe. Man kann davon ausgehen, dass Parzinger selbst sich nicht sonderlich verändert hat. Er hat aber zumindest gemerkt, dass es im aktuellen Klima auch für ihn gefährlich werden könnte, sich dem Offensichtlichen zu verweigern. In Zeiten, in denen sich eine kritische Öffentlichkeit fragt, warum wir immer noch Beutekunst horten, kann es für die Bremser von gestern heute gar nicht mehr schnell genug gehen mit der Rückgabe.

Das ist einerseits zu begrüßen. Andererseits kann man nur hoffen, dass der nigerianische Staat nicht überfordert ist, von all den rückkehrenden Artefakten, die gerade auf ihn einprasseln. Was passiert in einem notorisch korrupten Land, wenn so viel Reichtum zurückfließt, ist die eine Frage. Geht uns das etwas an, die andere. Die Polizei gibt ein gestohlenes Auto ja auch nicht nur dann zurück, wenn der Besitzer eine Garage vorweisen kann.

Der Plan ist, in Benin-Stadt ein Museum zu bauen. Ob es wirklich kommt, ist nicht so sicher

Andererseits sorgen sich auch viele Nigerianer darum, was mit ihrer Geschichte passiert. Der Plan ist eigentlich, in Benin-Stadt auch mit europäischer Hilfe ein großes Museum zu bauen für die große Kunst. Ob es wirklich kommt, ist nicht so sicher. Der heutige König will möglichst viel für sich, will sein eigenes Museum haben. Es ist ein tragischer Streit, aber kein Grund, die Rückgabe hinauszuzögern. Deutschland kann weiter seine Hilfe anbieten, mehr aber auch nicht.

Gleichwohl sollte man nicht zu pessimistisch sein. Die Kunst interessiere in Afrika doch eh keinen, nur in Europa finde sie das Publikum, das ihr zusteht, hatten Skeptiker jahrelang argumentiert. In Benin, dem Nachbarland Nigerias, lässt sich gerade das Gegenteil bewundern: 26 Kunstwerke hat Frankreich dorthin zurückgegeben, nun gibt es in der Hauptstadt Cotonou eine schöne Ausstellung, die von den Besuchern überrannt wird. Aus allen Ecken des Landes kommen sie, um ihre Geschichte kennenzulernen.

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