Belarus:Die Sprinterin, die aus der Kälte kam

Belarusian athlete Krystsina Tsimanouskaya talks with a police officer at Haneda international airport in Tokyo, Japan

Wenn sich Sport-Stars gegen Lukaschenko wenden, trifft ihn das besondes empflindlich: Kristina Timanowskaja am Flughafen von Tokio.

(Foto: REUTERS)

Kristina Timanowskaja blieb in Tokio unbeugsam, als die Sportfunktionäre von Belarus sie schikanierten. Wie üblich setzte das Regime auf Brutalität - und erlebte ein PR-Desaster.

Kommentar von Silke Bigalke, Moskau

Natürlich hatte niemand Kristina Timanowskaja gefragt, ob sie überhaupt in der 4-mal-400-Meter-Staffel laufen will. Die belarussische Sprinterin kommt aus einer Diktatur, die schlicht Gehorsam erwartet. Timanowskaja hat sich dagegen gewehrt, Verschiebemasse zu sein, und das sportlich begründet: Die 200-Meter-Spezialistin ist die 400 Meter noch nie gelaufen, man hatte hinter ihrem Rücken entschieden, ihr blieb kaum Zeit zur Vorbereitung.

Selbstverständlich sollte jeder Athlet selbst entscheiden dürfen, was er leisten kann und was nicht. In Belarus aber bringen sich Sportler, wie alle anderen Menschen, durch jedes Widerwort in Gefahr. Die angeschlagene Diktatur versucht mit großer Brutalität sämtliche Lebensbereiche im Land unter Kontrolle zu bringen, Schulen, Medien, Arztpraxen, auch der Sport gehört dazu.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hätte das viel früher erkennen müssen. Belarussische Sportler protestieren seit Monaten gegen die Gewalt im Land - und werden dafür selbst politisch verfolgt. Sie haben längst vom IOC gefordert, das Nationale Olympische Komitee (NOK) von Belarus zu suspendieren, wie es jetzt auch Human Rights Watch fordert. Chef des NOK in Minsk ist Diktator Alexander Lukaschenkos Sohn.

Die Sport-Funktionäre, die Timanowskaja drangsalierten, hätte man erst gar nicht nach Tokio reisen lassen dürfen. Als Gehilfen des Regimes haben sie sofort versucht, die aufmüpfige Sprinterin von der olympischen Bühne verschwinden zu lassen, nach Hause zu schicken, mundtot zu machen. In russischen Medien ist inzwischen ein Tonband von dieser Unterredung aufgetaucht, der Cheftrainer der belarussischen Leichtathletik-Nationalmannschaft und ein weiterer Leichtathletik-Funktionär drohen der 24-Jährigen darauf unverhohlen.

Nun ist Timanowskaja nicht die erste belarussische Athletin, die zum Flüchtling wird. Viele haben wegen ihrer Kritik bereits ihre Arbeit oder ihre Heimat verloren, einige wurden eingesperrt. Kristina Timanowskaja gehörte bisher nicht zu diesen Stimmen, sonst hätte sie es wohl gar nicht erst nach Tokio geschafft. Ihre Flucht wird für Lukaschenko nun aber zum PR-Desaster. Das zeigt auch die prompte Reaktion des belarussischen Staatsfernsehens, das die Sprinterin als Versagerin darstellt. Es wäre falsch, heißt es dort, eine Athletin starten zu lassen, die "sich erlaubt, in einem solchen Ton vor der ganzen Welt zu sprechen", die sich "ihre Füße abwischt" am Sport, der Nationalmannschaft und ihrem Land.

Wenn sich Sport-Stars gegen Lukaschenko wenden, trifft ihn das besonders empfindlich. Sportliche Erfolge nutzt er besonders gern für seine Propaganda. Und wenn die belarussische Flagge bei internationalen Wettbewerben weht, erweckt das den Anschein eines normalen Staates mit legitimem Oberhaupt. Vorbildlich war deswegen die Entscheidung des Eishockey-Weltverbands, die Weltmeisterschaft 2021 nicht in Belarus stattfinden zu lassen. Solche Entscheidungen braucht der internationale Sport häufiger.

© SZ
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