Belarus:Der untypische Oppositionelle

Presidential challenger Babariko attends a news conference in Minsk

Wiktor Babariko in Minsk

(Foto: REUTERS)

Wiktor Babariko wollte den belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko herausfordern, nun muss er 14 Jahre ins Straflager.

Von Silke Bigalke

Jemand hat eine Aufnahme aus dem Gericht geschmuggelt, Wiktor Babariko ist darauf zu hören. Der belarussische Oppositionelle hält sein Schlussplädoyer, etwa eine Woche ist das her. Das Band rauscht, seine Stimme klingt dünn. "Ich kann keine Verbrechen gestehen, die ich nicht begangen habe", sagt der 57-Jährige. Nun ist das Urteil gegen ihn ergangen, der frühere Banker und Herausforderer des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko muss für 14 Jahre ins Straflager. Babariko wird Steuerhinterziehung und Korruption vorgeworfen. Der wahre Grund für seine Gefangenschaft ist ein anderer.

Babarikos Geschichte beginnt im Frühjahr 2020, Monate vor der Präsidentschaftswahl und den anschließenden Massenprotesten in Minsk. Als er damals seine Kandidatur verkündete, wird schnell klar: Wären Wahlen in Belarus frei und fair, hätte er große Chancen zu gewinnen. Babariko löst praktisch mit aus, was folgt: die Hoffnung vieler Belarussen, dass alles anders wird - und ihre große Wut nach der Wahlfälschung. Babariko wird diese Monate hinter Gittern verbringen. Kandidieren darf er gar nicht erst.

Es ist dies ein typisches, belarussisches Oppositionellen-Schicksal - für einen eher untypischen Oppositionellen. Babariko gehörte zur Führungsebene der Belgazprombank und damit zur Wirtschaftselite des Landes. 20 Jahre lang hatte der gebürtige Minsker in derselben Bank gearbeitet, zuvor Verwaltung und Wirtschaft studiert. In den Wahlkampf brachte er nicht nur viel Managementerfahrung mit, sondern als Geldgeber für soziale Projekte und als Kunstmäzen auch viele Unterstützer. In kurzer Zeit sammelte er im Mai und Juni 2020 mehr als 400 000 Unterschriften für seine Kandidatur.

Die Belgazprombank gehört zum russischen Energiekonzern Gazprom, die belarussische Wirtschaft ist eng mit der russischen verbunden. Lukaschenko, den Moskau stets als launischen Verbündeten betrachtete, warf dem Kreml damals noch vor, Unruhe zu stiften und ihn loswerden zu wollen. Inzwischen hält er sich zwar nur noch mit Moskaus Hilfe an der Macht, damals aber stellte er Babariko als russische Marionette dar. Der betonte in Interviews, die belarussische Unabhängigkeit stehe für ihn an erster Stelle. Gleichzeitig gilt, dass es ein Kandidat in Belarus sehr schwer hätte, wäre er zu russlandkritisch.

"Können Sie sich die Sicherheitskräfte vorstellen, die auf ihre Nachbarn und Freunde schießen? Nie im Leben!"

Seine Position bei der Bank hatte Babariko für eine politische Karriere aufgegeben. Doch als kurz darauf mehr als ein Dutzend seiner früheren Kollegen wegen angeblicher Geldwäsche festgenommen wurden, schien auch sein Schicksal besiegelt. Eine Woche später holte der Geheimdienst ihn und seinen Sohn Eduard ab.

Babarikos Wahlkampagne ging weiter, die Oppositionelle Maria Kolesnikowa sprang für ihn ein. Sie tat sich mit Swetlana Tichanowskaja zusammen, die anstelle ihres inhaftierten Mannes bei der Wahl antrat und die heute viele für die wahre Siegerin der Wahl halten.

Die Massenproteste erlebte Babariko nicht mehr in Freiheit. Vor seiner Festnahme hatte ihn die Deutsche Welle gefragt, ob er wirklich glaube, dass Lukaschenko freiwillig geht. "Was passiert, wenn fünf- oder zehntausend Menschen in jeder Stadt auf die Straße gehen?", hatte er geantwortet. "Glauben Sie, dass die Regierung sie erschießen wird? Können Sie sich die Sicherheitskräfte vorstellen, die auf ihre Nachbarn und Freunde schießen? Nie im Leben!" Inzwischen sind die meisten seiner Unterstützer ins Exil geflohen oder in Haft.

Er wisse, sagt Babariko in seinem Schlussplädoyer, dass viele Menschen weitermachen würden. "Ich werde es nicht Kampf nennen", sagt er weiter, "weil es ein Teil ihres Lebens ist, das sie dem Aufbau eines neues Belarus widmen, über das wir immer noch sprechen." Der Richter unterbricht ihn an dieser Stelle, das habe nichts mit dem Fall zu tun. Berufung kann Babariko nicht einlegen.

© SZ/fzg
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