MeinungLandtagswahl Baden-WürttembergRiskantes Last-Minute-Manöver: Hagel wagt den Lagerwahlkampf

Kolumne von Roland Muschel, Stuttgart

Lesezeit: 2 Min.

Von der rasanten Aufholjagd der Grünen wurden die CDU-Strategen im Team von Spitzenkandidat Manuel Hagel kalt erwischt.
Von der rasanten Aufholjagd der Grünen wurden die CDU-Strategen im Team von Spitzenkandidat Manuel Hagel kalt erwischt. Thomas Niedermueller/Getty Images

Kurz vor der Landtagswahl attackiert die CDU nicht mehr die AfD mit voller Härte, sondern die Grünen und deren Spitzenkandidaten. Kann funktionieren, kann aber auch eine Hauptzielgruppe abschrecken.

Lange war aus Sicht der baden-württembergischen CDU die entscheidende Frage nicht, ob man die Landtagswahl am 8. März gewinnt, sondern nur, wie hoch. Ob der Sieg so deutlich ausfällt, dass es vielleicht sogar für eine schwarz-gelbe Regierung reicht, die konservative Traumkonstellation, mindestens jedoch für eine Dreierkoalition mit SPD und FDP. Hauptsache, nicht mehr mit den Grünen. Das war das Ziel nach zehn Jahren in der undankbaren Rolle des Juniorpartners der Ökopartei.

Doch auf der Zielgeraden des Wahlkampfs ist von der Siegesgewissheit nicht mehr viel zu spüren. Die rasante Aufholjagd der Grünen und ihres Spitzenkandidaten Cem Özdemir in den Umfragen hat die CDU-Strategen genauso kalt erwischt wie die von einer Grünen-Politikerin entfachte Debatte um das Frauenbild ihres Spitzenkandidaten Manuel Hagel. Hagel hatte zuvor das Problem, nicht bekannt zu sein. Nun ist er es für das Falsche. Nicht über seine aktuellen Reformvorschläge wird diskutiert, sondern über das acht Jahre alte „Rehaugen“-Video mit unangemessenen Sprüchen über Schülerinnen. In dieser Situation wirkt die CDU wie ein angeschlagener Boxer, der jetzt nicht nur seine letzten Kräfte mobilisiert, sondern auch noch rasch die Strategie wechselt.

Wer blau wählt, wird grün geführt.
Neuer CDU-Slogan in Baden-Württemberg

Bislang hatte Manuel Hagel die „Blauen“ als Hauptgegner im Wahlkampf benannt. „Wir oder die AfD“, das war die Losung, mit der die CDU Wählerinnen und Wähler in der politischen Mitte abholen und die Grünen an den Rand drängen wollte. Nun ruft Hagels Generalsekretär Tobias Vogt auf einmal den Lagerwahlkampf aus, der neue CDU-Slogan lautet: „Wer blau wählt, wird grün geführt.“ Begleitet wird die neue Kampagne durch scharfe Angriffe auf den Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir, die CDU geht ihn inhaltlich an, aber auch persönlich.

Kann schon mal funktionieren, so eine abrupte Wende. Sie hat aber auch das Potenzial, eine Niederlage zu beschleunigen.

Denn der Strategiewechsel mag Hardcore-Grünen-Verächter ansprechen, die Wechselwähler in der Mitte – und von ihnen gibt es laut einer neuen Umfrage noch viele – eher nicht. Dieses Risiko geht die CDU ein. Ihr geht es jetzt aber offenkundig vor allem darum, nicht auch noch unzufriedene Stammwähler nach rechts außen zu verlieren. Die Neuausrichtung darf man auch als Eingeständnis werten, dass die CDU die Strahlkraft von Özdemir unterschätzt und die eigene Stärke überschätzt hat. Diese Fehler versucht man nun, mit verbaler Härte zu kaschieren.

Aber taktisch sind der neue Slogan wie auch die Schärfe der Debatte sehr kurzfristig gedacht. Denn wer CDU wählt, wird am Ende mangels anderer Regierungsalternativen höchstwahrscheinlich auch Grün bekommen – und umgekehrt. Ihre neue Wahlkampfstrategie könnte die CDU schon bald einholen, egal ob sie die Wahl noch gewinnt oder nicht.

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