Kaum ein anderer iranischer Regisseur hat es zu so viel internationalem Ruhm gebracht wie Asghar Farhadi - und mit so vielen renommierten Preisen überschüttet wurde definitiv keiner: Goldener Bär für "Nader und Simin - eine Trennung", mehrere Preise in Cannes, zuletzt den Grand Prix für "A Hero - die verlorene Ehre des Herrn Soltani", der in Deutschland gerade in die Kinos gekommen ist, und zwei Oscars für den besten fremdsprachigen Film, einer weniger als Ingmar Bergman und genauso viele wie Akira Kurosawa. Jeweils in ihrer gesamten Karriere - Farhadi aber, 1972 in Isfahan geboren, hat seine halbe Karriere noch vor sich.
In "Nader und Simin - eine Trennung", für den er den ersten Oscar bekam, hat ein Mann eine Hausangestellte geschubst und sie ihr Kind verloren, aber gelogen haben beide; in "A Salesman", sein zweiter Oscar-Sieger, zeigt eine Frau aus Angst vor den Folgen einen Angriff nicht an, es wird nie ausgesprochen, ob es eine Vergewaltigung war. Keiner von Farhadis Filmen, in denen es meist um moralische Dilemmata unter den Bedingungen der Islamischen Republik erzählt, hat ihm besonders viel Zuspruch in Iran eingebracht - jedenfalls nicht von der offiziellen Seite her, die nie recht zu wissen schien, ob sie vor Stolz auf diese Anhäufung von internationalen Ehrungen platzen oder Farhadis kritische Stimme lieber unterbinden soll.
Mit "A Hero" hat Farhadi nun in Iran definitiv ein richtiges Problem, Konsequenzen noch nicht absehbar: Er steht gerade wegen Plagiats vor Gericht. 2014 gab er einen Dokumentarfilm-Workshop an einer Filmschule in Teheran. Die Studenten und Studentinnen sollten Geschichten zu einem vorgegebenen Thema finden: Menschen, die verlorene Dinge zurückgeben. Eine Studentin, Azadeh Masihzadeh, erzählte von einem Mann aus ihrer Heimatstadt Shiraz, der wegen seiner Schulden zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden war, eine Tasche voller Gold fand und sie dennoch zurückgab.
Hätte er Recht bekommen, hätte das wohl zur Auspeitschung der Klägerin geführt
Um einen solchen Mann geht es auch in "A Hero", nach der Premiere in Cannes 2021 verklagte die Studentin Farhadi wegen Plagiats, er antwortete mit einer Verleumdungsklage. Der Hollywood Reporter berichtete und hat nun auch das Ergebnis vermeldet: Sehr schnell hintereinander sind in den letzten Tagen zwei Entscheidungen vor Gericht gefallen. Farhadis Klage wurde abgewiesen, der Klage der Studentin wegen Plagiats aber wurde stattgegeben, ein zweiter Richter muss jetzt das finale Urteil sprechen. Dem Hollywood Reporter zufolge könnte Farhadi am Ende sogar ins Gefängnis gehen müssen. Farhadi und sein französischer Produzent haben dagegen in einem Statement in Variety bekräftigt, die Geschichte, auf der beide Filme basieren, sei schon lange vor 2014 in iranischen Medien präsent gewesen.
Schon vor den Urteilen ist da eine Situation entstanden, die moralisch so ausweglos ist wie das, was sonst Farhadis Protagonisten widerfährt: Hätte er recht bekommen, wäre die Studentin wohl zu Peitschenhieben verurteilt worden, kein Sieg, auf den er hätte stolz sein können. Farhadi macht für das Regime unbequeme Filme - hat sich nun also nur eine willkommene Gelegenheit ergeben, seine Ehre infrage zu stellen?
Für den ursprünglichen Bericht hatte der Hollywood Reporter mit Masihzadeh gesprochen und einer Anwältin, die für Memento in Paris arbeitet, dem Weltvertrieb von "A Hero", und Farhadis Seite vertritt. Das Bild, das sich daraus ergibt, bleibt unübersichtlich: Es gibt Studenten, die Masihzadehs Darstellung unterstützen, Farhadi habe im Workshop erstmals von dem Fall gehört, und solche, die dem widersprechen; Masihzadeh sagt, der reale Fall habe vor ihrem Dokumentarfilm kein mediales Echo in Iran gefunden, die Produktionsfirma widerspricht dem. In "A Hero" fängt die Geschichte mit der Tasche voller Goldmünzen an, dann geht es um die mediale Konstruktion und Dekonstruktion eines Helden. So ähnlich kann es nun Farhadi selbst ergehen.
Korrektur: Eine frühere Version des Artikels konnte fälschlicherweise den Eindruck erzeugen, das Gerichtsverfahren gegen Farhadi sei bereits abgeschlossen.


