Bundestagswahl:Auf Laschet kommt es vielleicht gar nicht an

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Wahlkampf CDU Hessen mit Kanzlerkandidat Armin Laschet

Wenn nur alle Gegner so zurückhaltend wären: Armin Laschet vor wenigen Tagen in einer Boxschule in Frankfurt am Main.

(Foto: Armando Babani/dpa)

Trotz aller Peinlichkeiten dürfte die Union bei der Bundestagswahl vorne liegen. Doch wer kommt ins Kanzleramt? Dafür ist womöglich etwas anderes entscheidend.

Kommentar von Wolfgang Krach

Parteien nominieren Spitzenkandidaten oder -kandidatinnen und führen Wahlkämpfe, weil sie gewinnen wollen. Es ist deshalb erstaunlich, dass sich diesmal zwei Parteien gerade nicht für jemanden entschieden haben, die oder der die meisten Stimmen würde holen können. Und bei der dritten hat man das Gefühl, dass ihr Bewerber eigentlich besser für eine andere Partei antreten sollte. Jedenfalls beeinträchtigen die schlechten Werte der eigenen Partei seine Chancen deutlich.

Dieser Wahlkampf ist wahrlich reich an Merkwürdigkeiten. Es begann damit, dass die Grünen im April Annalena Baerbock ausriefen. Die Entscheidung war, aus innerparteilicher Sicht, logisch und respektabel. Mit Blick auf die große Ambition der Grünen - sie wollen die nächste Regierung anführen - war sie falsch. Baerbock kann wie vermutlich niemand sonst die Stammklientel mobilisieren. Um aber an die Union heranzukommen, hätten die Grünen für Robert Habeck stimmen müssen. Mit seiner Popularität, seinem Habitus und seiner Regierungserfahrung hätte er viel eher die Möglichkeit gehabt, Wechselwähler in größerer Zahl von CDU, CSU und SPD zu den Grünen zu ziehen.

Ein besserer Wahlkämpfer ist Söder allemal

Kurz darauf nominierte die Union Armin Laschet. Der CDU-Vorstand entschied sich für ihn im Wissen, dass ein beträchtlicher Teil der Landesverbände, der Parteibasis und der Bundestagsfraktion den eigenen Vorsitzenden nicht für geeignet hielt und lieber Markus Söder ins Rennen geschickt hätte. Gegen Söder, der nach vielen Häutungen erfolgreich den Eindruck erweckt, heute ein anderer zu sein als vor Jahren, lässt sich viel sagen. Aber ein besserer Wahlkämpfer als Laschet ist er allemal. Ähnlich wie Habeck hätte er es vermocht, über die Kernklientel hinaus Menschen zu gewinnen. Mit ihrem Ja-aber-sowohl-als-auch-Kandidaten Laschet und dessen Peinlichkeiten hingegen riskiert die Union, sogar einen Teil ihrer Stammwählerschaft nicht mobilisieren zu können oder an Grüne und SPD zu verlieren.

Der dritte Bewerber, Olaf Scholz, hat, wie man so sagt, gerade einen Lauf. Aus nahezu aussichtsloser Position gestartet, liegt er in der Beliebtheit mittlerweile klar vor Baerbock und Laschet. Doch er schleppt das Gewicht mit sich herum, dass er jetzt der richtige Kanzlerkandidat einer Partei sein soll, die ihn noch vor zwei Jahren ausdrücklich nicht als Vorsitzenden wollte. Ein Gedankenspiel: Träte Scholz für die CDU an, würde er ziemlich sicher Angela Merkels Nachfolger. Ein besseres Ergebnis als Laschet könnte er mit einiger Wahrscheinlichkeit holen - zumal da ihn nicht so viel vom pragmatischen Teil der Union trennt, wohl aber vom ideologischen Teil der SPD.

Eine "rote Ampel" könnte für die FDP verlockend sein

Je länger der Wahlkampf andauert, desto deutlicher wird, wie unglücklich Teile der Grünen mit ihrer Kandidatin und Teile der Union mit ihrem Kandidaten inzwischen sind. Baerbock wirkt verunsichert, seltsam zurückgenommen und defensiv. Laschet stolpert durch die Hochwassergebiete, meidet Festlegungen, wo immer es geht, und befremdet die eigenen Leute. Am Ende wird er die Union trotzdem auf Platz eins führen. Doch die wichtigste Frage dürfte diesmal nicht sein, wer vorne liegt, sondern wer auf Platz zwei kommt. So merkwürdig es klingen mag: Der Zweite wird wohl darüber bestimmen, wer die nächste Regierung führt. Auf Laschet kommt es vielleicht gar nicht so sehr an.

Liegen die Grünen vor der SPD, wird entscheidend sein, ob sie gemeinsam mit der Union eine Mehrheit hätten. Wenn ja, ist die wahrscheinlichste Option Schwarz-Grün. Wenn nein, bleibt Schwarz, Grün, Gelb (Jamaika) oder Grün, Rot, Gelb ("grüne Ampel"). Die Grünen würden in diesem Falle wohl Letzteres versuchen, weil sie dann die Kanzlerin stellen könnten. Aber ob die FDP da mitmacht? Sie könnte ablehnen und versucht sein, Jamaika zu erzwingen - was für die Liberalen, wegen Laschet als Kanzler, komfortabler wäre. Landet die SPD hingegen vor den Grünen, wird sie alles daransetzen, Scholz zum Kanzler zu machen, getragen von den Grünen und der FDP. Die "rote Ampel" könnte für die Liberalen verlockender sein als eine grüne - mit einem Kanzler Scholz käme Christian Lindner besser zurecht als mit einer Kanzlerin Baerbock.

CDU/CSU und Grüne haben also eigentlich ein gemeinsames Interesse: die SPD klein zu halten. Die Grünen deshalb, weil sie überhaupt nur dann die Chance aufs Kanzleramt hätten, wenn sie vor den Sozialdemokraten liegen. Die Union, weil die Wahrscheinlichkeit für einen Kanzler Laschet sinkt, wenn die SPD die Grünen überholt und so eine Regierung anführen könnte. Die SPD wiederum müsste ihrerseits nun die Grünen viel härter attackieren als die Union. Ob die am Ende bei 24 oder bei 30 Prozent liegt, ist für Scholz zweitrangig. Aber ob die SPD selbst stärker wird als die Grünen - davon hängt für sie viel, fast alles ab. SPD gegen Grüne, und Grüne gegen SPD - das müsste eigentlich die wichtigste Auseinandersetzung der nächsten Wochen werden, wenn es beiden Parteien mit ihrem Führungsanspruch jeweils ernst wäre und sie nicht wollen, dass das Land am Ende in einer "Deutschland-Koalition" landet, aus Union, SPD und FDP.

Adenauer, Brandt, Kohl und Schröder brauchten noch mehr als 40 Prozent

Veränderungen in der politischen Statik vollziehen sich gewöhnlich langsam, ja schleichend. Adenauer gewann drei seiner vier Wahlen mit Ergebnissen zwischen 45 und 50 Prozent. Brandt holte knapp 46 Prozent, Kohl einmal fast die absolute Mehrheit, ansonsten stets über 40 Prozent. Und als Kohl schließlich gegen Schröder verlor, erreichte dessen SPD noch 40,9 Prozent. Nun werden 25, vielleicht gar 20 Prozent genügen, um Laschet, Scholz oder Baerbock ins Amt zu bringen.

Auch wenn es viele nicht so wahrnehmen mögen - die Dramatik dieser Veränderung ist riesig, am Wahltag wird sie zu bestaunen sein. 31 Jahre nach der Einheit ist Deutschland tatsächlich ein anderes Land geworden.

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