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Konflikt um Bergkarabach:Der Waffenstillstand ist für Armenien bitter

Konflikt in Berg-Karabach

Russische Truppen patrouillieren in einem Gebiet der umstrittenen Region Bergkarabach.

(Foto: dpa)

1915 schickte das Osmanische Reich Hunderttausende Armenier in den Tod. Diese Wunde ist nie verheilt. Nun wird sie von der Türkei und Aserbaidschan noch weiter aufgerissen.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Großen Kriegen folgten einst die Seuchen, die mittelalterliche Pest, und später gewöhnlich die Tuberkulose. In einem vergessenen Teil der Welt folgte einer Pandemie nun ein Krieg: In Armenien zogen die Ärzte an die Front, und die Covid-19-Infizierten starben in ihren vier Wänden, ganz ohne einen Schuss, weil die Krankenhäuser neben den Verwundeten keinen Platz mehr für die vielen Pandemiepatienten hatten.

Vielleicht hätten die Armenier mehr von dieser Katastrophe in der Katastrophe reden sollen, dann hätte sich die Welt womöglich früher für den Konflikt im Kaukasus interessiert. Aber die Geschichte ist kompliziert, und wer weiß schon, wo Bergkarabach liegt, der "Berg des Schwarzen Gartens"?

So geht das mit den seit Jahrzehnten eingefrorenen Konflikten, man vergisst sie. Nur die Menschen, denen die Konfliktzone Heimat ist oder einst war, vergessen nicht. Vor allem, wenn ein neues Trauma auf ein altes stößt, dessen Wunde nie geheilt wurde.

Franz Werfel nannte die Kolonnen "wandernde Konzentrationslager"

Für die Armenier gibt es eine Urkatastrophe. Sie ist mit dem Jahr 1915 verbunden, als das vom Zerfall geprägte Osmanische Reich im Schatten des Ersten Weltkriegs die Armenier aus Anatolien auf Todesmärsche schickte. Es gab damals armenische Aufständische, die auf den Kriegsgegner Russland setzten, aber die Massendeportationen erklärt das nicht. Mehr als eine Million Tote soll es gegeben haben. Die Überlebenden erreichten die syrische Wüste, wo sie Hunger und Seuchen empfingen.

Der Zeitzeuge und Schriftsteller Franz Werfel hat die Elendskolonnen in seinem Roman "Die 40 Tage des Musa Dagh" als "wandernde Konzentrationslager" bezeichnet. Das war prophetisch. "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?", fragte Hitler 1939, so als könnten auch seine monströsen Verbrechen vergessen werden.

Die Türkische Republik, 1923 gegründet, leugnet die Vertreibungen nicht, sie will die Urtragödie der Armenier aber bis heute nicht Völkermord nennen. Täte sie es, würde sie damit beginnen, sich von einer historischen Last zu befreien. Und sie würde dabei helfen, die Wunde mit der Zeit zu heilen. Nun aber hat Ankara mit der einseitigen, geradezu rauschhaften Parteinahme für den armenischen Kriegsgegner Aserbaidschan alte Ängste neu belebt. Damit wird es künftig noch schwerer werden, die Wunde zu schließen.

Man war schon einmal weiter: 2008, der heutige türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan war Premier, näherten sich die Erzfeinde an, sie sprachen über Historikerkommissionen, unterzeichneten Protokolle. In Kars und Gjumri, den Grenzstädten, keimte Hoffnung auf Handel und Wandel. Vor allem Armenien sehnte sich danach. Schon damals fürchtete man dort auch den anderen Nachbarn, den hochgerüsteten Gas- und Ölstaat Aserbaidschan.

Das hängt mit dem zweiten Grundkonflikt der Armenier zusammen, dem um die armenische Enklave Bergkarabach. Der ist schon so lange ungelöst, dass hier kein Ausweg möglich erschien. So endete vor zehn Jahren auch der armenisch-türkische Frühling rasch. Die Grenze blieb zu, die Bahnlinien gekappt.

Und immer, wenn um Bergkarabach gekämpft wird - wie jetzt in dem 44-Tage-Krieg -, ist die Erinnerung an 1915 Teil der armenischen Erzählung, auch wenn mehr als hundert Jahre vergangen sind. Viele Armenier nennen die Aserbaidschaner dann einfach "Türken". Die alten Ängste lassen sich auch propagandistisch nutzen, weil die Wunde immer noch offen ist.

Die Landkarte im Südkaukasus aber haben auch andere zerpflückt. Josef Stalin, in der jungen UdSSR Volkskommissar für Nationalitätenfragen, sorgte 1921 dafür, dass Karabach, obwohl mehrheitlich von Armeniern bewohnt, der Sowjetrepublik Aserbaidschan zugeschlagen wurde. Das Motto hieß: Teile und herrsche! Noch vor Auflösung der Sowjetunion erklärte Karabach dann 1988 seine Unabhängigkeit, armenische Truppen besetzten später ein Fünftel Aserbaidschans.

Das Leid von damals lässt sich mit Zahlen nur völlig unzureichend beschreiben: 580 000 muslimische Aserbaidschaner wurden aus der Kriegsregion vertrieben. Und 400 000 Armenier, die als christliche Minderheit in Aserbaidschan lebten, mussten ihre Heimat verlassen. Auch Baku war einst eine multi-ethnische Metropole.

Der Jude Werfel legte einem Muslim in seinem Roman den Satz in den Mund: "Nationalismus, die Krankheit Europas, füllt die leere Stelle aus, die Allah zurücklässt, wenn er aus dem Herzen vertrieben wird."

Erdoğan kann Putin dankbar sein

Als Bakus Truppen jetzt die Stadt Schuscha zurückerobert hatten, erzwang Russland einen Waffenstillstand. 1500 Meter hoch liegt Schuscha. Stepanakert, die Hauptstadt der "Republik Arzach", wie die Armenier Karabach nennen, sieht man dort wie auf dem Präsentierteller.

Der türkische Oberbefehlshaber Recep Tayyip Erdoğan kann Wladimir Putin für sein Stoppsignal dankbar sein. Denn hätten von der Türkei ausgerüstete aserbaidschanische Soldaten in Stepanakert Armenier massakriert, wie hätte Erdoğan dies der Welt erklären sollen? Die Türkei ist immer noch Nato-Mitglied und will es nach eigenem Bekunden bleiben.

Für Armenien ist der erzwungene Waffenstillstand bitter. Er bringt Premier Nikol Paschinjan in höchste Not. Eine samtene Revolution hat ihn erst 2018 ins Amt getragen. Die alte Machtclique war eng mit politischen Hardlinern aus Karabach verbunden. Sie spielte die nationale Karte, dahinter blühte die Korruption, die Paschinjan bekämpft. Er fördert die IT-Branche, und Frauen im konservativen Armenien. Das gefällt der jungen Generation. Mehr Unabhängigkeit von Moskau will er. Putin hätte wohl nichts gegen den Sturz des Rosenrevolutionärs.

Drei Millionen Menschen leben in Armenien, mindestens so viele Armenier sind über die Welt verstreut - auch dies Folge einer langen Verfolgungsgeschichte. Früher eilten viele sogar aus der Diaspora an die Front, wenn sie gerufen wurden. Nun hat die Pandemie das verhindert - und damit vielleicht sogar Leben gerettet.

© SZ/gal
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