Arbeitszeit:Mal anders denken

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Deutsche Bahn

In der Jobfabrik: Der Bahn-Tower in Berlin am Potsdamer Platz.

(Foto: Kay Nietfeld/picture alliance / dpa)

Die Gewerkschaften befürchten, eine neue Regierung könnte den herkömmlichen Acht-Stunden-Tag aufweichen. Aber wäre das so schlimm? In der Pandemie hat sich gezeigt, dass flexibles Arbeiten auch seine Vorzüge hat.

Kommentar von Roland Preuß

Es gehört zu den Aufgaben der Gewerkschaften, sich schützend vor die Beschäftigten zu stellen und früh Alarm zu schlagen. Die jüngsten Warnungen des DGB vor neuen Regeln zur Arbeitszeit aber sind übertrieben. Das geltende Gesetz folgt zu sehr dem Muster eines traditionellen Fabrik- oder Verwaltungsjobs: Morgens kommen, nachmittags gehen - und ansonsten seine Ruhe haben. Erst kürzlich hat eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin gezeigt, dass jeder fünfte Vollzeit-Beschäftigte die gesetzlichen Ruhezeiten regelmäßig missachtet, es zwingt Arbeitnehmer und Arbeitgeber in eine Dunkelgrauzone. In dieser Lage sollten sich die Gewerkschaften einer Reform nicht völlig verweigern, sondern sich daran beteiligen.

Noch sind erst die Grundzüge bekannt von dem, was SPD, Grüne und FDP vorhaben. Die angehenden Koalitionäre wollen die bisherigen Vorschriften etwas lockern, die in der Regel eine Höchstarbeitszeit von 48 Stunden pro Woche vorsehen, die eine Pause nach spätestens sechs Stunden vorschreiben und eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden nach dem Einsatz in Büro oder Montagehalle. Schon jetzt gibt es Ausnahmen, so ist auch mal eine 60-Stunden-Woche erlaubt.

Allzu viel Freiraum aber ist nicht vorgesehen, etwa für Mütter oder Väter: Wenn sie morgens mit der Arbeit beginnen, nachmittags Kinder betreuen und sich dann spät abends noch mal an den Schreibtisch setzen, könnten sie am nächsten Morgen ein Problem bekommen. Denn der gängige Beginn im Büro ist wegen der obligatorischen Elf-Stunden-Ruhe nicht erlaubt. Die Corona-Zeit, in der Home-Office für viele zur Selbstverständlichkeit geworden ist, unterstreicht, dass sich da etwas ändern muss. Die Zwänge der Pandemie haben ein solches Arbeiten in Modulbauweise weiter verbreitet. Hier liegt die Chance einer Reform.

Die Kunst einer Reform wird darin bestehen, geleistete Arbeitsstunden besser aufzuzeichnen

Und dennoch liegt der Gewerkschaftsbund ja nicht falsch mit seiner Warnung, die Arbeitszeit könnte immer mehr übergreifen in Feierabend und Freizeit. Wer das Arbeitszeitgesetz nun allzu großzügig mit Ausnahmen spickt, der eröffnet Unternehmen weitere Möglichkeiten, ihren Mitarbeitern Überstunden abzuverlangen. Davon aber leisten Deutschlands Beschäftigte schon genug. Um die zwei Milliarden sind es jedes Jahr, gut die Hälfte davon wird nicht bezahlt.

Die Kunst einer Reform wird also darin bestehen, mehr Möglichkeiten für Beschäftigte und Unternehmen zu verbinden mit einer besseren Aufzeichnung der Arbeitszeit, die geleistet wird. Besser heißt: Mit weniger Lücken als bisher, aber auch auf eine digitale Art und Weise, welche die Personalabteilung nicht in Excel-Tabellen versinken lässt und Arbeitnehmer nicht in den Wahnsinn treibt. Und die sich darüber hinaus ohne horrenden Aufwand staatlich kontrollieren lässt. Flexiblere Arbeitszeiten werden ohne so eine Dokumentation nicht funktionieren, beides muss im Doppelpack Wirkung entfalten.

Die angehenden Ampel-Partner wollen einige Leitplanken einziehen bei den neuen Regeln für die Arbeitszeit. Sie sollen nur im Rahmen von Tarifverträgen greifen, zeitlich befristet sein oder wenigstens mit Zustimmung der Betriebsräte ausprobiert werden. Es soll das stattfinden, was in der deutschen Politik nicht überentwickelt ist: Einfach mal etwas auszuprobieren - und es wieder abzuschaffen, wenn es sich in einzelnen Betrieben nicht bewährt. Den Versuch ist es wert.

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