Soziale Netzwerke:Wer mit Informationen handelt, betreibt kein Geschäft wie jedes andere

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Social Media: Person mit Handy und einem VK-Sweatshirt

Wie umgehen mit dem russischen Facebook-Klon VK? Westliche Konzerne sind nun gefragt.

(Foto: Sefa Karacan/Anadolu Agency/Getty Images)

Apple und Google hätten Russland gegenüber viel früher viel entschiedener handeln können. Es wird Zeit, dass auch Tech-Konzerne international Verantwortung für demokratische Werte übernehmen.

Kommentar von Christoph Koopmann

Apple hat den russischen Facebook-Klon VK, das größte soziale Medium des Landes, weltweit aus seinem App Store genommen. Diese Nachricht stammt aus diesen Tagen, nicht etwa von Ende Februar, als nach Beginn des Überfalls auf die Ukraine H&M, Coca-Cola, McDonald's und viele andere Unternehmen sehr zeitnah ihre Geschäfte in Wladimir Putins Reich einstellten, zum Teil sogar weit über die Vorgaben der westlichen Sanktionen hinaus. Jetzt erst also tut sich auch was bei Apple. Zugegeben: Die US-Firma hat schon im Frühjahr ihre Läden in Russland geschlossen und erlaubt zumindest keinen offiziellen Export seiner Produkte nach Russland mehr. Der App Store blieb jedoch weitgehend unangetastet, genau wie der Play Store des anderen großen Anbieters Google.

Rechtlich kann den beiden Tech-Riesen keiner was. Die Sanktionen betreffen nicht diesen Teil ihres Geschäfts. Denn Russinnen und Russen sollen weiterhin die Möglichkeit haben, sich VPN-Apps herunterzuladen, mit deren Hilfe sich die nochmals verschärften Netzsperren und die Zensur umgehen lassen. Kurz nachdem die ersten Panzer in die Ukraine gerollt waren, schossen solche VPNs und zensurfreie Messenger wie Telegram in den russischen App-Charts nach oben. Es wäre fatal, würden Apple und Google der Zivilgesellschaft diese Werkzeuge des Ungehorsams nehmen, indem sie den Zugang einschränkten oder ihre Stores gleich ganz schlössen.

Auf den Sanktionslisten der USA und der EU stehen VK-Chefs schon seit Monaten

Dass Apple aber VK aus dem Angebot nimmt, war überfällig. Zwar haben Bürger auch auf diesem sozialen Netzwerk die Möglichkeit, propagandaferne Nachrichten auszutauschen oder sich zu Protesten zu verabreden, doch die ist eine theoretische. Auch VK wird vom Kreml mittlerweile streng zensiert. Noch dazu ist seine Muttergesellschaft in der Hand einer illustren Runde von Oligarchen, darunter bis Ende 2021 auch Alischer Usmanow, dem beste Verbindungen zu Putin nachgesagt und dessen Besitztümer in Deutschland (Villen, Megayacht et cetera) recht häufig von Sicherheitsbeamten inspiziert werden.

VK-Geschäftsführer Wladimir Kirijenko ist der Sohn von Sergeij Kirijenko, früher Ministerpräsident, heute Putins Emissär im Donbass. Apple begründet die Löschung der App aus seinem Store jetzt damit, dass die britische Regierung nicht näher genannte Personen aus der Top-Etage von VK sanktioniert habe. Auf den Sanktionslisten der USA und der EU stehen Kirijenko junior und Usmanow allerdings schon seit Monaten. Google scheint all das gänzlich egal zu sein, in seinem Store sind VK und zugehörige weitere Apps weiter verfügbar.

Immerhin, Apple hatte schon kurz nach Kriegsausbruch angekündigt, die Apps der Staatspropagandakanäle RT und Sputnik weltweit nicht weiter anzubieten, Google wollte es in Europa unterlassen. Doch ausgerechnet in Russland blieben die Apps beider Kanäle verfügbar. Auch lassen sich in Russland immer noch Apps etwa des Propagandasenders RBK und anderer staatlicher Kanäle downloaden.

Dabei haben Apple und Google im vergangenen Jahr gezeigt, dass sie durchaus in der Lage wären, einzelne Apps auch in Russland aus ihren Stores zu nehmen, wenn sie denn wollten: Damals traf es eine App zur Parlamentswahl. Entwickelt hatte sie das Team des (vergifteten) Oppositionellen Alexej Nawalny. Der Kreml hatte die US-Firmen unter Druck gesetzt. Sie haben sich Putin gefügt.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Geschäftsmann Alischer Usmanow sei an VK, der Muttergesellschaft von VKontakte, beteiligt. Seine Holding USM hat ihre Anteile jedoch Ende 2021 verkauft.

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