Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock:Stümperhaft, aber nicht verboten

Annalena Baerbock auf dem Parteitag der Grünen im Juni 2021

Annalena Baerbock im Juni 2021.

(Foto: Sean Gallup/Getty Images)

Die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat für ihr Buch im Internet abgeschrieben. Das bietet ihren Gegnern eine völlig unnötige Angriffsfläche - und es lenkt von einer viel wichtigeren Diskussion ab.

Kommentar von Constanze von Bullion

Das Buch zum Film? Taugt in der Regel nichts. Das Buch zur Politikerin? Ist meistens verzichtbar, manchmal aber auch von Schaden. Das hat jetzt die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock erfahren müssen. In ihrem kürzlich erschienenen Buch "Jetzt. Wie wir unser Land erneuern" hat ein sogenannter Plagiatsjäger mehrere Stellen identifiziert, die Baerbock nahezu wortgleich aus dem Internet oder Artikeln anderer Autoren übernommen hat. Das ist bei Büchern von Politikern leider nichts Neues, aber so unnötig wie peinlich. Denn eine Frau mit Baerbocks Talenten, die auch noch Bundeskanzlerin werden will, hat derlei Stümperei nicht nötig.

In der Schule jedenfalls oder an der Universität würde so unbekümmertes Herauskopieren aus dem Netz mit Notenabzug beantwortet. Offenbar hielten Baerbock und ihr politisch wenig profilierter Mitautor Michael Ebmeyer es nicht für nötig, die strittigen Passagen auch nur geringfügig zu verändern. Über den Spott, der sich nun über Baerbock ergießt, dürfen sie sich also nicht wundern in diesem bösartig aufgeladenen Wahlkampf. Baerbock ist seit Monaten Ziel einer giftigen Kampagne, als Person, als Frau, als Vertreterin der jüngeren Generation. Sie wird als Angriff betrachtet auf etablierte Machtstrukturen und beschädigt, wo es nur geht. Aber sie macht es ihren Gegnern eben auch leichter als nötig.

Bücher von Politikerinnen und Politikern - muss das sein?

Richtig ist aber auch, dass der österreichische Plagiats- und Baerbock-Jäger Stefan Weber bei seiner ausdauernden Hatz auf die grüne Kanzlerkandidatin wissenschaftliche Distanz vermissen lässt. Die von ihm wichtigtuerisch angekündigten, schwerwiegenden Verfehlungen bei Baerbock sind so gravierend eben nicht. Wer aufzählt, welche osteuropäischen Staaten 2004 der EU beigetreten sind oder welche Holzhochhäuser wann und wo gebaut wurden, begeht keinen Urheberrechtsbruch, sondern greift auf öffentlich zugängliches Wissen zu. Das kann und sollte man geschickter machen. In einem nichtakademischen Text aber ist das nicht verboten und auch kein Ausweis der Kanzlerinnenuntauglichkeit.

Die Grünen haben nun den Wadlbeißer und Medienanwalt Christian Schertz ins Feld geschickt. Das zeigt, wie ernst die Lage für die Partei inzwischen ist. Der Weichspülgang wird da jetzt beendet, endlich. Nach der Debatte über Baerbocks Lebenslauf und allerlei reumütigen Fehlerbekenntnissen kann die Kandidatin sich keine weitere Beschädigung leisten. Einvernehmlich und in trauter Harmonie an die Macht zu kommen, wie die Parteioberen sich das gern herbeidichten, funktioniert nicht. Wer ganz rauf will, muss sich mit Härte panzern, aber auch mit grundsolider Arbeit. Baerbock hat da jetzt Boden gutzumachen.

All den bücherschreibenden Politikerinnen und Politikern aber sei ein Wunsch ans Herz gelegt: Lasst es. Das allermeiste, was da in den Rechner gehackt wird, oft nachts, nebenher, im Teamwork oder irgendwo unterwegs zwischen Büro und Privatleben, ist nicht nur literarisch, sondern auch politisch verzichtbar. Bücher, in denen steht, was ohnehin schon tausendmal gesagt wurde, binden Kräfte, die anderswo gebraucht werden. Vor allem aber verhindern sie eine Debatte, bei der die Grünen eigentlich vorangehen wollten: die über die Zukunft des Landes.

© SZ/kus
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