Angela Merkel wollte sich in den Wahlkampf eigentlich nicht einmischen. Wer seine politische Arbeit beende, solle sich zurücknehmen, so ihre Begründung. Nun hat die Kanzlerin aber doch Olaf Scholz für seine Weigerung kritisiert, eine Koalition mit der Linken auszuschließen. Das war für Merkels Verhältnisse eine bemerkenswerte Ansage. Sie kennt Scholz gut genug, um zu wissen, dass er eher noch einmal einen G-20-Gipfel in Hamburg riskieren würde als eine Koalition mit der Linken. Doch die Not der CDU wirft solche Rationalitäten selbst bei Merkel über den Haufen.
Nun hat es Scholz umgekehrt ein bisschen weit getrieben mit der Merkelisierung seiner selbst. Hier ein Foto mit der Kanzlerinnen-Raute, da ein "Ich kann Kanzlerin"-Plakat. Die Union sah darin politische "Erbschleicherei". Merkel hätte über Scholz' Ranschmeiße normalerweise wohl nur milde gelächelt. Doch in der Lage der Union ist auch für sie Schluss mit lustig. Die CDU erwartet das von ihr.
Den Platz, den Scholz einzunehmen gedachte, hat ihm die Union allerdings eine ganze Weile freigehalten. Armin Laschet wusste lange nicht recht, was er mit Merkels Erbe anfangen sollte. Annehmen? Ausschlagen? Am Ende entschied er sich für beides: Die Jahre mit Merkel waren gut, aber nun muss alles anders werden. Der Integrator wollte es wieder allen recht machen und integrierte sich in die Unkenntlichkeit.
Scholz hat früh verstanden, dass Merkel-Wähler sich nicht sehr nach Veränderung im politischen Stil sehnen. Und das Neue, was Laschet präsentiert, sieht oft recht alt aus, namentlich Friedrich Merz. Die Begeisterung, mit der die CDU nun Merkels Intervention aufgriff, enthielt deshalb auch eine peinliche Botschaft für die Laschet-Union: Sie können auf Merkel noch nicht verzichten. Und wenn sogar Merz, der Merkels Regierung vor zwei Jahren als "grottenschlecht" bezeichnet hatte, nun um ihr Engagement im Wahlkampf bettelt, zeigt das, wie groß sein Vertrauen in Laschet noch ist.