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Amazon:Das genial hässliche Gesicht des Kapitalismus

Jeff Bezos hat sich unbestreitbar große Verdienste erworben. Doch zugleich hat der Gründer des Online-Händlers auch eine andere Seite. Und genau damit gefährdet er sein Lebenswerk.

Kommentar von Claus Hulverscheidt

Wenn man einen Strich unter das fast 30-jährige Wirken des Jeff Bezos ziehen wollte, jetzt, da der Amazon-Gründer die Führung seines Weltkonzerns zumindest offiziell abgibt, dann käme man um eine zentrale Erkenntnis nicht herum: Es gibt den Jeff Bezos gar nicht, es gibt mindestens zwei Amazon-Chefs dieses Namens, vielleicht sogar vier oder fünf. Und je nach Blickwinkel hat man allen Grund, den jeweiligen Bezos aufrichtig zu verehren oder auch aus tiefstem Herzen zu hassen.

Unstreitig ist, dass der heute 57-Jährige aus dem Nichts ein Imperium erschaffen hat, das die Art, wie Menschen einkaufen, ja leben, fundamental verändert hat. Es gibt da dieses Foto von 1994, auf dem Bezos freundlich lächelnd wie ein Bibliotheksangestellter neben einem Bücherstapel hockt, und wer es anschaut, kann bis heute kaum glauben, dass aus dieser langweiligen Garage der bedeutendste und vielleicht innovativste Konzern der Welt wurde. Die Geschichte beweist, dass man mit einer guten Idee auch heute noch stinkreich werden kann - ganz ohne Millionenerbe oder Diebstahl öffentlichen Eigentums wie bei Donald Trump oder postsozialistischen Oligarchen.

Als Arbeitgeber hat Bezos versagt

Vor allem was den Kundenservice angeht, hat Bezos Maßstäbe gesetzt, an denen sich Dienstleister rund um den Globus heute messen lassen müssen. Es gibt praktisch kein Produkt, vom Schraubenzieher bis zur Bio-Avocado, das man auf dem Amazon-Marktplatz nicht fände. Pakete, die früher tagelang unterwegs waren, werden heute binnen Stunden geliefert. Bezos' Streamingdienst produziert preisgekrönte Filme und Serien, seine "Cloud" archiviert das Wissen der Welt, seine Washington Post beliefert die USA mit hochwertigem, wenn auch leicht linkslastigem Journalismus, und seine Raketen werden schon bald Touristen ins All befördern. Die "Kundenbesessenheit", wie der Amazon-Chef selbst sagt, ging so weit, dass er sich nicht einmal um die Finanzmärkte scherte, als diese nach vielen Verlustjahren lautstark Gewinne verlangten - eine Ignoranz, die man sich erst einmal leisten können muss.

Bezos' Tragik liegt darin, dass er einerseits die Kräfte des Kapitalismus ignorierte, zugleich aber auch dessen hässliche Fratze ist. Aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Gewerkschafter, der Bürgermeisterinnen und Datenschützer, der kleinen Einzel- und Onlinehändlerinnen, der Finanz-, Sozial- und Umweltpolitiker nämlich stellt sich die Lebensleistung des Amazon-Chefs in einem gänzlich anderen Licht dar. Für sie ist er der Ausbeuter und Geldsack, der Steuertrickser und Produzent von Verpackungsmüll, der Zerstörer von Innenstädten, Läden und Privatsphäre.

All diese Zuschreibungen hat Bezos selbst zu verantworten. Denn so sehr der Erfolg von Amazon auf guten Ideen und Nähe zum Kunden basiert, so sehr ist er zugleich aufgebaut auf den Niedriglöhnen Hunderttausender Mitarbeitender, die sich in seinen Warenlagern erst den Rücken krumm machen und dann durch Roboter ersetzt werden. Die krank zur Arbeit erscheinen müssen, deren Unfälle vertuscht werden und die man hindert, Betriebsräte zu gründen. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass mit Amazon eine Form des Kapitalismus in die Welt zurückgekehrt ist, die mit der Zerschlagung der Öl-, Stahl- und Eisenbahnmonopole in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts eigentlich überwunden zu sein schien: Der Eigentümer und Chef wird zum reichsten Mann der Welt, während die kärglichen Löhne unzähliger Beschäftigter kaum das Überleben sichern.

Seine Liste der Fehlleistungen ist sehr lang

Bezos ist damit Mitverursacher, ja vielleicht sogar die Verkörperung jener weltweiten wirtschaftlichen Ungleichheit, die wie ein Brandbeschleuniger zu Frust und Populismus beiträgt. Das gilt umso mehr, als die Mängelliste noch länger ist. So drückt sich sein Konzern mit allen Tricks davor, Steuern zu zahlen. Er gängelt Hersteller und Zulieferer und beutet kleine Online-Händler aus, indem er ihre Ideen stiehlt und sie im Stich lässt, wenn sie Opfer von Betrügern werden. Er kassiert Monopolgewinne und ist als Plattformbetreiber Stürmer und Schiedsrichter zugleich. Wenn Facebook-Chef Mark Zuckerberg der Datensammler der Welt ist, Google-Dirigent Sundar Pichai der Werbemonopolist und Apple-Boss Tim Cook der Billigproduzent von Hochpreistelefonen, ist Bezos so etwas wie das Kondensat all seiner Managerkollegen.

Dass er jetzt das Alltagsgeschäft anderen überlässt, könnte darauf hindeuten, dass ihm sein Image nicht egal ist. Dass er hofft, sein Ansehen als Wohltäter und Weltraumabenteurer aufhübschen zu können. Ein echter Imagewandel aber wird ihm so nicht gelingen. Der wäre nur möglich, wenn er nicht sich, sondern sein größtes Vermächtnis - Amazon - veränderte und statt nur die Kunden auch alle übrigen Betroffenen in den Blick nähme: die Arbeitnehmerinnen und Gewerkschafter, die Bürgermeisterinnen und Datenschützer, die kleinen Einzel- und Onlinehändlerinnen, die Finanz-, Sozial- und Umweltpolitiker. Kurzum: Wenn aus zwei oder drei Jeff Bezos endlich einer würde.

© SZ/kus
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