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Grüner Kandidat Alaows:Ein Versöhner wird zum Opfer von Hass und Hetze

(Foto: Reuters)

Er entkam Syriens Bürgerkrieg und wollte Geflüchteten im Bundestag eine Stimme geben. Nun zieht er sich wegen rassistischer Drohungen zurück.

Von Nadja Schlüter

Als Tareq Alaows im September 2015 Deutschland erreichte, war er erst einmal froh, in Sicherheit zu sein. In seinem Heimatland Syrien tobte der Bürgerkrieg, ihm drohte die Einberufung zum Militärdienst. Nach seiner Ankunft lebte er, damals Mitte zwanzig, zunächst in einer Unterkunft für Geflüchtete im Sauerland, dann mehrere Monate lang mit 60 Menschen in einer Turnhalle in Bochum. Ohne Privatsphäre, ohne Mitbestimmungsrecht über das eigene Essen oder die Schlafenszeit, ohne die Möglichkeit, einen Deutschkurs zu absolvieren. Das sei seine "schwierigste Zeit" in Deutschland gewesen, sagte Alaows vor zwei Monaten bei einem Gespräch mit der SZ. Heute sieht er das vermutlich anders.

Anfang des Jahres hatte er angekündigt, als erster aus Syrien Geflüchteter für den Bundestag zu kandidieren. Er wolle "den Hunderttausenden Menschen, die auf der Flucht sind und hier mit uns leben, eine politische Stimme geben", sagte er. Die Grünen in Oberhausen und Dinslaken erkoren ihn zu ihrem Direktkandidaten. Alaows' Kandidatur erregte große Aufmerksamkeit. Er bekam viel Unterstützung, wurde aber auch Opfer von Hass und Hetze - in den digitalen Netzwerken, per E-Mail, auf der Straße. Viele zweifelten zudem die Legitimität seiner Kandidatur an, da Alaows zum Zeitpunkt seiner Ankündigung noch nicht deutscher Staatsbürger war. Das Verfahren war da allerdings schon auf den Weg gebracht und sollte, davon ging man aus, rechtzeitig abgeschlossen sein.

Doch Tareq Alaows wird im September nun doch nicht zur Wahl stehen. Am Dienstag gab er in einer schriftlichen Mitteilung bekannt, seine Kandidatur zurückzuziehen. Grund sei "die hohe Bedrohungslage für mich, und vor allem für mir nahestehende Menschen". In Presseberichten ist von Morddrohungen gegen ihn und seine Familie in Syrien die Rede. Zudem habe der heute 31-Jährige während seiner Kandidatur "massive Rassismuserfahrungen" gemacht. Alaows zieht sich zu seinem Schutz und dem seines Umfelds erst einmal aus der Öffentlichkeit zurück. Für Anfragen ist er nicht zu erreichen.

Die politische Bildung hat er von seinem Vater

Die Drohungen müssen drastisch sein, eigentlich ist Alaows Aufmerksamkeit und Widerstand gewohnt. In Syrien leistete er humanitäre Nothilfe beim Roten Halbmond und dokumentierte Menschenrechtsverletzungen in Kriegsgebieten. Als er in der Turnhalle in Bochum lebte, organisierte er ein Protest-Camp vor dem Rathaus, mit Erfolg: Die Stadtverwaltung und die Geflüchteten kamen ins Gespräch und vereinbarten zum Beispiel frühere Deutschkurse. Alaows selbst hat sich die Sprache weitgehend eigenständig beigebracht und spricht heute fließend Deutsch.

2018 wurde Alaows zum Mitinitiator der "Seebrücke", einer zivilgesellschaftlichen Bewegung, die sich für sichere Fluchtwege und eine Entkriminalisierung der Seenotrettung einsetzt. Die politische Bildung habe er von seinem Vater, sagt er, einem Journalisten, der zu Beginn der Revolution in Syrien an friedlichen Demonstrationen teilgenommen habe. Seinen eigenen Beruf fand er an der Schnittstelle zwischen seinem in Syrien abgeschlossenen Jurastudium und seinem in Deutschland gewachsenen Engagement für geflüchtete Menschen. Alaows arbeitet derzeit als Rechtsberater für Asyl- und Aufenthaltsrecht.

Er wollte für den Bundestag kandidieren, weil die Perspektive von Geflüchteten in der Bundespolitik bisher fehle. Auch Lösungen für die Klimakrise standen weit oben auf seiner Agenda - nicht zuletzt deshalb, weil sie in Zukunft zu verstärkten Verteilungskonflikten führe und noch mehr Menschen zur Flucht zwinge. Seine Arbeit ist geprägt von dem Wunsch, gegen die Spaltung der Gesellschaft zu arbeiten. "Es gibt keine Konkurrenz zwischen Geflüchteten und dem Rest der Gesellschaft", sagt er. "Wenn jemand sich für die Rechte Geflüchteter einsetzt, dann setzt er sich letztlich für Menschenrechte ein - und damit für alle Menschen."

© SZ/jok
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