Aktuelles Lexikon:Würde

Ein sehr wichtiger und sehr strapazierter Begriff - auch im Zusammenhang mit der Frisur.

Von Friederike Zoe Grasshoff

Wäre der Begriff nicht so alt, könnte man meinen, Würde sei ein 2021-Wort wie Zoom-Call, Impfangebot oder das an jeden dritten Satz angehängte genau. Setzt man einmal ins Verhältnis, wie oft weltweit tatsächlich in Würde gelebt, gestorben, regiert, amtiert, gefeiert, geschlachtet oder abgeholzt wird, ist Würde ein strapaziertes Wort. Es stammt von althochdeutsch wirdî und ist sprachgeschichtlich verwandt mit dem Ausdruck Wert. Der Duden definiert Würde als einen "Achtung gebietenden Wert, der einem Menschen innewohnt". Friedrich Schiller schrieb in seiner philosophischen Schrift "Über Anmut und Würde" 1793: "Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung." Würde kann synonym für Reputation oder Verdienst gebraucht werden, es verankert den Wert des Menschen im Grundgesetz und definiert den moralischen Rahmen eines Amtsträgers. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat die Entscheidung, Friseursalons trotz Lockdown-Verlängerung früher öffnen zu lassen, nun unter anderem mit dem Argument der Würde verteidigt. Für viele Menschen sei der Haarschnitt wichtig, um sich in der Pandemie wiederzufinden. Gänzlich unfrisiert sah Söder auf der Pressekonferenz nicht aus, kurz waren seine Haare jedoch auch nicht.

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