Aktuelles Lexikon:Schulnoten

Eine Drei plus für die Ampel: Nicht nur Kinder, sondern auch Koalitionäre werden so bewertet.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Die Ampel steuert auf ihren Jahrestag zu, und CDU-Chef Friedrich Merz ist mit seinem Zwischenzeugnis schon durch. "Handwerklich miserables Regierungshandeln" urteilte er kürzlich im Bundestag. Auf der Harry-Potter-Notenskala wäre das vermutlich "schrecklich", also eins über "Troll". Nun hat SPD-Chef Lars Klingbeil sich zu Wort gemeldet und der Koalition eine "Drei plus" gegeben. Ein bisschen Selbstliebe im Advent ist schon okay; im Schein der Kerzen sieht eh vieles schöner aus, als es ist. Tatsächlich aber ist die Drei plus die lauwarme Langweilerin unter den Schulnoten. Kein Glanz, kein Drama, sondern handwarmes Mittelmaß.

In der ersten Klasse bekommen Schulkinder keine Noten, sondern Verbalzeugnisse; je nach Schulform dauert die notenfreie Zeit auch länger an. Da steht dann im Zeugnis, dass Mats eine normgerechte Handschrift entwickelt hat und Emma sich sicher im Zahlenraum bis 20 bewegt - und die Eltern rätseln, was das wohl in Schulnoten wäre, weil die ihnen eindeutiger vorkommen. Das aber ist eine Illusion. Denn wie befriedigend sich ein "befriedigend" anfühlt, hängt davon ab, wie schwer der Test war und ob man aus dem Notenkeller dorthin geklettert oder vom Einser-Olymp abgestürzt ist. Nach Kriegsausbruch, Energiekrise und Atomstreit dürften die Ampelkoalitionäre Klingbeils Drei plus dementsprechend empfinden wie Juristen ein "Vollbefriedigend". Das reicht immerhin fürs Prädikatsexamen.

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