Aktuelles Lexikon:Hofschranze

Ein Begriff aus dem Feudalismus, aber auch bei der Linken im Gebrauch.

Von Detlef Esslinger

Wer sich selbst als links versteht, hat womöglich eine Schwäche fürs Egalitäre; bestimmt aber haben solche Menschen den Anspruch, allem Höfischen abgeneigt zu sein. Heißt dies, dass auch die Realität so ist? In der Linkspartei wird erregt debattiert, ob es eine gute Idee war, im Bundestag zur Energiepolitik ausgerechnet Sahra Wagenknecht sprechen zu lassen. Ihr Vortrag war so, dass er den Kreml mehr erfreut haben dürfte als große Teile ihrer Partei. Deren Ex-Geschäftsführer Jörg Schindler sagte, die Fraktion habe sich verhalten wie ein "Hofschranzen-Staat". Hofschranze ist ein Begriff, der seinen Quell im Mittelhochdeutschen hat, um zwei Ecken ist er aus dem Schlitz von Gewändern abgeleitet, die bei Hofe zu den Requisiten der Prachtentfaltung gehörten. Schiller hat in "Kabale und Liebe" eine Verkörperung geliefert, den Hofmarschall von Kalb, für den es stets eine Freude ist, beim Anziehritual seines Herzogs dabei zu sein. Mit so jemandem will natürlich keiner verglichen werden, weshalb "Hofschranze" immer abwertend, unter Linken vielleicht sogar als maximale Beleidigung gemeint ist. Außerdem ist der Begriff einer der wenigen, für die die Sprache nur das Femininum vorsieht. Schaut man sich indes an, welches Geschlecht in der Realität besonders viele Hofschranzen stellt, muss man sagen: Der Hofschranz träfe es wohl besser.

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