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Aktuelles Lexikon:Hexenjagd

Über echte und unechte Opfer.

Von Alexandra Föderl-Schmid

US-Präsident Donald Trump sieht sich wegen des Impeachment-Verfahrens wieder einmal einer Hexenjagd ausgesetzt. Auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu greift gerne auf diese Bezeichnung zurück, wenn es um Korruptionsvorwürfe gegen ihn geht. Die Botschaft, die bei dem Begriff mitschwingt: Wer Hexen jagt, ist im Unrecht. Hexenjagden gab es über Jahrhunderte hinweg in Europa und Amerika. Vermeintliche Begründungen dafür fanden sich unter anderem in der Bibel im Buch Exodus, eine Übersetzung stammt von Martin Luther: "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen." Es reichte ein Hinweis eines Nachbars, und die Hexenjagd ging los. Geständnisse wurden oft unter Folter erzwungen, die Opfer meist verbrannt. Die erste Hexenverbrennung soll es 1275 in Toulouse gegeben haben. Es wird geschätzt, dass zwischen 1450 und 1750 weltweit bis zu 60 000 Menschen umgebracht worden sind, weil man ihnen dämonische Geister oder magische Kräfte zuschrieb - 80 Prozent davon waren Frauen. Hexenjagden wurden auch in Romanen und Filmen aufgegriffen: Der Dramatiker Arthur Miller widmete sich den berüchtigten Hexenverfolgungen in Salem (1692) und zielte damit politisch auf die paranoide Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära mit ihren Schauprozessen. Wer heute einen solchen Vergleich anstellt, bezweckt damit vor allem eines: sich als Opfer darzustellen.

© SZ/fzg
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