Damals, im April 1986, dominierten der Schrecken, die totale Verunsicherung, die Angst vor einer unberechenbaren Katastrophe. Im Reaktor 4 im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl hatte es einen Brand und eine Kernschmelze gegeben, dabei freigesetzte radioaktive Partikel verbreiteten sich quer über Europa, kontaminierten den Boden für lange Zeit. Die Zone um das Kraftwerk wurde evakuiert, die verlassene Stadt Prypjat wurde zur Geisterstadt, ein Pompeji der Neuzeit. Zerfallene Wohnblöcke, zerbrochene Fensterscheiben, Gras, das auf den Straßen zu wachsen begann, ein klagender Wind. Seit einigen Jahren ist die Stadt zum Ausflugsziel geworden, 124 000 Touristen wurden 2019 registriert, alle ausgerüstet mit Geigerzählern. Nun will die Ukraine, auf deren Gebiet der Reaktor heute liegt, bauliche Objekte aus der gesperrten Schutzzone ins Unesco-Weltkulturerbe aufnehmen lassen, zur Erinnerung an die Katastrophe. Der Verfall hat seine eigene ästhetische Qualität. Man hat die morbide Faszination einer Geisterstadt immer wieder in Science-Fiction-Filmen erlebt, von "Das letzte Ufer" bis "I Am Legend", den Schauder der Menschen-Leere nach einer globalen Katastrophe oder Pandemie. Eine Zivilisation, die nicht mehr gebraucht wird, die von der Natur zurückverwandelt wird. Der GAU als Kulturerbe, das ultimative Memento mori.
Aktuelles LexikonGeisterstadt
Tschernobyl wird zum Ausflugsziel. Unheimliche, leere Städte gibt es auch im Kino viele.
Von Fritz Göttler