Profil:Rocker und Imam

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Profil: Ahmet Muhsin Tüzer verknüpfte Religion und Rockmusik - und wurde damit zur Berühmtheit. Doch die Religionsbehörde der Türkei feuerte ihn.

Ahmet Muhsin Tüzer verknüpfte Religion und Rockmusik - und wurde damit zur Berühmtheit. Doch die Religionsbehörde der Türkei feuerte ihn.

(Foto: STR/AFP)

Ahmet Muhsin Tüzer hat mit seiner Musik die Menschen begeistert, doch seinen Job als Vorbeter verloren. Dagegen klagt er nun vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Von Tomas Avenarius

Was Ahmet Muhsin Tüzer am liebsten tut - und wohl am besten kann -, das gefällt: Er singt. Und ist daher eine kleine Berühmtheit in seinem Heimatland. Als "Rocker-Imam" war der Vorbeter vor einigen Jahren bekannt geworden, er sang nach Feierabend zu gefälligen Rhythmen islamisch eingefärbte Texte, tourte mit der Band Fi-Rock durch die Türkei, trat 2014 in New York auf. Tüzer unterlegte seine Stücke mit Sufi-Elementen, machte Anleihen bei Suren und dem Azan, dem Gebetsruf. Songs wie "Komm zu Gott" kamen an. "Ziel ist es, die Seelen zu berühren, die Herzen", sagt Tüzer. "Ich war damals Imam, die Musik war mein Mittel."

Die Religionsbehörde feuerte den Imam, weil er in ihren Augen kein Vorbild war

Aber dann ging alles schief. Nicht musikalisch, sondern theologisch, politisch, menschlich. Der rockende Imam wurde 2018 gefeuert von seinem Arbeitgeber, der erzkonservativen türkischen Religionsbehörde Diyanet. Die Staatstheologen hatten Anstoß genommen am Verhalten des Moscheevorstands aus Kaş am Mittelmeer. Sie behaupteten, ihnen gehe es dabei gar nicht um die Musik. Aber ein Imam müsse den Gläubigen Vorbild sein, einen Verhaltenskodex einhalten: Offensichtlich hielt man den singenden Imam für ungeeignet als verbeamteten Moscheevorsteher.

Der 51-Jährige, mit einer Rumänin verheiratet und Vater eines Sohnes, sieht dies freilich anders: "Als ich mit der Band aufgetreten bin und gesungen habe, habe ich sowohl den Ruf der Türkei als auch den des Islam gestärkt. Ich will zurück in meinen Job." Und er ist hartnäckig. Er hat sich bereits quer durch das türkische Justizsystem geklagt, bis hoch zum Verfassungsgericht. Doch die Gerichte wiesen die Klagen des "Rocker-Imams" zurück.

Weshalb er nun auf den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) setzt, vor Kurzem hat er dort Klage eingereicht. Tüzer hofft, dass sein Verfahren nach einem entsprechenden Urteilsspruch der Straßburger Richter in der Türkei neu aufgerollt wird, dass er sogar entschädigt wird.

"Der Staat und das Diyanet haben mein Leben zerstört", sagt der Imam, der inzwischen als Bibliothekar in der zentralanatolischen Stadt Eskişehir arbeitet und um den es musikalisch inzwischen ziemlich still geworden ist. Tüzer, der Arabistik studiert hat, vermutet, er sei wegen seiner freisinnigen Auffassung vom Islam unerwünscht gewesen. Er beschreibt sich als Anhänger eines toleranten Sufi-Denkens, denkt universell, lehnt den türkischen sunnitischen Staatsislam ab: "Das Diyanet und die orthodoxen Ordensgemeinschaften schaden dem Islam", sagt er. "Der Schaden ist irreparabel."

Was er an Provokationen von sich gibt, kann den Staatstheologen kaum gefallen. "Auch einer wie der US-Erfinder Edison wird ins Paradies kommen, obwohl er kein Muslim war", hatte er gegenüber Imam-Kollegen geäußert. "Aber Edison hat Gutes erfunden für die Menschen, die Glühbirne etwa." Für die Orthodoxen passt so etwas nicht: ein Nichtmuslim, vielleicht sogar ein Atheist, ins Paradies? Weshalb der Rocker-Imam über sich als religiösen Denker sagt: "Ich bin gefährlich für das Diyanet. Ich bin ein Martin Luther für die."

Das mag ein wenig weit gedacht sein. Aber das Diyanet ist in den vergangenen Jahren immer mächtiger geworden, auch die Orden werden vom Staat gefördert, sie sind oft Horte der Orthodoxie. Imam Tüzer sagt: "Die Orden durchsetzen längst die staatlichen Institutionen, auch das Diyanet. Sie lehnen mich von Herzen ab."

Ob der EGMR die Klage annimmt, wann er urteilt, das liegt in der Ferne. Aber Tüzer ist hartnäckig, gibt nicht auf. Auch musikalisch nicht: "Ich arbeite an einem neuen Song, etwas mit 'progressivem Metal'." Also eine Mischung aus den aggressiven Rhythmen des Heavy-Metal-Rock mit Elementen klassischer Rockmusik. Unterlegt mit Kassiden, gedichtartigen islamischen Texten. Tüzer ist sich sicher: "Das wird der absolute Erfolg. Dann rundet sich das Bild vom rockenden Imam."

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