Afghanistan:Der Preis des überstürzten Abzugs

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Afghanistan: Die weiße Fahne der Taliban weht über Kandahar - und vermutlich bald auch über Kabul.

Die weiße Fahne der Taliban weht über Kandahar - und vermutlich bald auch über Kabul.

(Foto: -/AFP)

Die Taliban erobern Afghanistan im Sturm zurück - und so wird das Land bald wieder Sammelbecken für islamistische Kämpfer aus aller Welt sein. Das wird dem Westen noch schmerzlich bewusst werden.

Kommentar von Tomas Avenarius

Im Krieg gibt es nicht nur die Dynamik des Sieges, es gibt auch eine Dynamik der Niederlage. Meist zeigen sich diese zwei Phänomene gleichzeitig. Gut zu beobachten ist dies gerade in Afghanistan. Während den Taliban eine wichtige Stadt nach der anderen in die Hände fällt, werfen die afghanischen Regierungstruppen die Waffen weg und fliehen in alle Himmelsrichtungen. Der Krieg ist mit dem Fall der Städte Herat und Kandahar zwar noch nicht entschieden. Aber wer derzeit eine Wette darauf abschließen möchte, dass die weiße Flagge der Taliban im Spätherbst über Kabul weht, kann kaum verlieren.

Das sieht man in Washington und London ähnlich. Die USA verlegen 3000 Marines in die afghanische Metropole, sie sollen den möglicherweise baldigen Abzug des Botschaftspersonals sichern. Das Weiße Haus fürchtet den "Saigon-Moment": Das ikonische Foto aus dem April 1975 zeigt einen Militärhubschrauber auf dem Dach eines Hauses in der Hauptstadt Saigon, den verzweifelte Menschen zu erreichen versuchen. Nichts drückt die Schmach der US-Niederlage schmerzlicher aus als dieses Foto.

Die USA sind unbesiegt, aber eben auch nicht Sieger

Auch ohne "Kabul-Moment", der heutzutage digital und in Sekundenschnelle um die Welt ginge, kann den Taliban ihren Triumph kaum noch einer nehmen. Ja, militärisch sind die USA nicht geschlagen worden. Aber vor bald 20 Jahren hatte der Dschihadist Osama bin Laden die Twin Towers in New York zerstört und die Amerikaner erniedrigt.

Die Taliban-Islamisten waren Osama bin Ladens "Gastgeber" und Gesinnungsgenossen. Sie wurden deshalb von einer internationalen Allianz unter Führung Washingtons kurzerhand von der Macht vertrieben. Jetzt stehen die Koranschüler, Dschihadisten und Gotteskrieger kurz davor, erneut über Afghanistan zu herrschen. Wer den vom Westen 2001 mit Pathos ausgerufenen "Krieg gegen den Terror" am Ende zu gewinnen scheint, diese Frage stellt sich vor dem Hintergrund der Entwicklungen auf dem afghanischen Schlachtfeld nicht mehr wirklich.

Der übereilte Rückzug der USA hat alle Schleusentore geöffnet. Die "demokratische" Stellvertreterregierung in Kabul hat offenkundig zu wenig Glaubwürdigkeit im Land, ebenso die mit westlichen Waffen hochgerüstete 300 000 Mann starke afghanische Armee: Kämpfen will bis auf einige wenige Spezialeinheiten kaum einer.

Die Taliban werden das Volk terrorisieren

Die Taliban werden das, was am Hindukusch in 20 Jahren erreicht wurde, rückgängig machen. Sie werden ihr Volk mit ihrem ebenso rückständigen wie brutalen Islamverständnis terrorisieren. Sie werden die Frauen des Landes unterdrücken, wie Vieh behandeln. Vor allem aber könnte ihr "Emirat" erneut zu einem Sammelbecken internationaler Kämpfer werden, zum gelobten Land der weltweiten Dschihadisten-Bewegung.

Das "Emirat Afghanistan" war Ende der Neunziger das Mekka der Gotteskrieger, beheimatete Terrorfürsten vom Schlage Bin Ladens. Sollten die Taliban wieder über Kabul herrschen, werden - fasziniert vom Erfolg - Syrer, Libyer, Ägypter, Tschetschenen, Usbeken, Pakistaner, Indonesier oder Uiguren erneut an den Hindukusch ziehen. Sie werden nicht nur beten und Tee trinken, sondern den Kampf in ihre Heimatländer und in den Westen tragen wollen. Spätestens dann wird sich zeigen, wie falsch der übereilte Rückzug der USA und ihrer Verbündeten war.

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