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Abzug aus Afghanistan:Ein sinnloser Krieg

Ein US-Soldat untersucht den Schauplatz eines Anschlags in Afghanistan (Archivbild aus dem Jahr 2014).

(Foto: AFP)

US-Präsident Biden kündigt den Abzug der USA aus Afghanistan bis zum 11. September an. Danach werden die Taliban an die Macht zurückkehren - und leiden werden vor allem Frauen und Mädchen.

Kommentar von Tobias Matern

Wer einen Krieg beginnt, benötigt mindestens zwei Dinge. Gebraucht wird erstens ein guter Grund, weil in Kriegen viele Menschen sterben und leiden, weil Kriege außerdem viel Geld kosten - und zweitens ist ein guter Plan nötig, wie dieser Ausnahmezustand enden soll. Die USA hatten einen guten Grund und ein völkerrechtlich legitimiertes Mandat, als sie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 mit ihren Verbündeten in Afghanistan einmarschiert sind. Was den USA bis heute fehlt: ein Plan. Und so geht dieser Krieg, den Präsident Joe Biden symbolträchtig am 11. September 2021 beenden wird, als sinnloser Einsatz in die Geschichte ein, der viele Menschen das Leben gekostet und Milliardensummen verschlungen hat.

Sinnlos war der Krieg vom Ende her gedacht vor allem deshalb, weil der Abzug den Status quo ante herbeiführen und Afghanistan in die politische Situation versetzen wird, in der das Land zuvor war. Die Taliban kehren in die Führung des Landes zurück, ein wenig gezähmt in eine Einheitsregierung vielleicht. In der realistischeren Variante werden sie den Griff nach der ganzen Macht wagen. Wer sollte sie noch daran hindern? Diese Perspektive ist ein Desaster für die USA und ihre Verbündeten in Berlin, London und Paris, und sie ist ein Desaster für die Afghaninnen und Afghanen, die sich auf das Versprechen des Westens verlassen haben, ihr Land erst wieder zu verlassen, wenn stabile Verhältnisse herrschen.

Hätte Bush den Islamisten Frieden angeboten - das Land stünde besser da

Nach der US-Intervention in Afghanistan waren die Taliban binnen weniger Wochen aus Kabul vertrieben. Hätte der damalige Präsident George W. Bush großmütig den geschwächten Islamisten ein Friedensangebot gemacht - das Land stünde heute besser da. Und wenn nur ein Bruchteil der Milliardensummen, die in den vergangenen 20 Jahren in den militärischen Teil des Einsatzes geflossen sind, dem nachhaltigen wirtschaftlichen Aufbau Afghanistans zugutegekommen wären, könnte das Land heute zumindest auf niedrigem Niveau prosperieren.

Aber das ist nicht der Fall, auch wenn der Westen zu Recht auf die Millionen Kinder verweist, die jetzt zur Schule gehen können. Die meisten von ihnen haben aber keine Perspektive auf Jobs und ein Leben in Sicherheit. Die Rückkehr der Taliban an die Macht ist vor allem für die Mädchen und Frauen Afghanistans ein bedrohliches Szenario. Noch nehmen sie am öffentlichen Leben teil, aber sie müssen damit rechnen, dass ihre Freiheiten weiter eingeschränkt werden. Schon jetzt berichten Aktivistinnen, sie stünden auf Todeslisten der Islamisten.

Schuld ist vor allem die westliche Hybris

Ohne Frieden ist alles nichts, hat Willy Brandt einmal gesagt, und Frieden herrscht in Afghanistan nicht. Das liegt vor allem an der westlichen Hybris. Als die Bush-Regierung nach 9/11 so schnell wie möglich Rache nehmen wollte, lieferten sich die Verbündeten eine regelrechte "Schönheitskonkurrenz". Sie wollten den Amerikanern gefallen: "Die Entscheidung, nach Afghanistan zu gehen, hatte null Prozent mit Afghanistan zu tun und 100 Prozent mit den USA. Wenn Bin Laden sich auf den Fidschi-Inseln versteckt hätte, wären wir dahin mitgegangen." Das sind nicht die Worte eines pazifistischen Regierungskritikers, sondern rückblickende Sätze des damaligen außenpolitischen Beraters von Kanzler Gerhard Schröder. Es gab zu lange kein Konzept für diesen Einsatz, außer dass man ein guter Bündnispartner sein wollte.

Die gröbsten Fehler haben jedoch die USA gemacht. Bush wollte unbedingt eine Zentralregierung in Kabul, die der ethnischen Struktur und den Stammestraditionen des Landes entgegensteht. Auch fehlte ein gemeinsamer Ansatz der Alliierten für ganz Afghanistan. Die durch viele Grauschattierungen gekennzeichnete afghanische Realität wurde im Sinne der Komplexitätsreduktion lieber eingeteilt in die Guten (Regierung in Kabul) und die Bösen (die Taliban), bis man merkte, dass selbst die Regierung dunkle Flecken aufweist. Und jede Teilstreitmacht schloss in ihren Gebieten lieber Deals mit den Warlords, statt diese antidemokratischen Fürsten zu entmachten.

Trump ließ sich ausmanövrieren

Barack Obama machte in seiner Präsidentschaft den Fehler, das Ende des Kampfeinsatzes zu terminieren, als der Gegner militärisch ebenbürtig war. Von da an wussten die Taliban: Wir müssen diesen Krieg nicht gewinnen, nur aussitzen. Und Nachfolger Donald Trump ließ sich von den Islamisten diplomatisch ausmanövrieren. Seine Verhandler vereinbarten mit den Taliban, dass die USA vollständig abziehen - bevor eine innerafghanische Friedenslösung auch nur auf der Tagesordnung stand. Und so verweigern die Islamisten der afghanischen Regierung nun am Verhandlungstisch konsequent jedes Zugeständnis.

Joe Biden schließlich, Oberbefehlshaber Nummer vier im Afghanistan-Krieg, bringt nicht mehr die Kraft auf, diese Fehler über militärisch flankierte, harte Diplomatie zu korrigieren. Der längste US-Kriegseinsatz der Geschichte endet, der Krieg in Afghanistan dauert an.

© SZ/jok
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