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Afghanistan:Eine fast unmögliche Mission

Soldat der afghanischen Armee in der Provinz Kandahar

(Foto: AFP)

Der vierte Präsident, dieselben Probleme: Joe Biden muss Erfolg haben, wenn der Westen nicht gänzlich blamiert aus dem Land abziehen will.

Kommentar von Tobias Matern

Nun ist bereits der vierte Präsident mit dem längsten Krieg der US-Geschichte beschäftigt, und so viel steht schon fest: Auch Joe Biden wird aus Afghanistan keine Erfolgsgeschichte mehr machen. Nun lässt er seine Berater eine Strategie entwickeln, über allem steht die Frage: Lässt sich der avisierte westliche Truppenabzug Ende April tatsächlich umsetzen? Kurze Antwort: nein.

Aber auch mit längerer Präsenz der Soldaten geht es nur noch darum, das Schlimmste zu verhindern. Für die Afghaninnen und Afghanen wäre das Schlimmste: Die Taliban übernehmen die Macht, der Steinzeitflügel der Islamisten setzt sich durch, die gesellschaftlichen Fortschritte werden zurückgedreht, Frauen verschwinden wieder aus dem Alltag, statt zu unterrichten, Unis zu besuchen oder Fernsehshows zu moderieren. Für den Westen wäre das peinlich, hinzu käme als weitere Bedrohung: Die Taliban lassen den "Islamischen Staat" ungestört operieren.

Dann wären exakt die Verhältnisse wiederhergestellt wie vor 20 Jahren, als die USA und ihre Verbündeten planlos Afghanistan besetzten. Bidens Vorgänger hatten zu wenig Ahnung von dem Land, in das sie einmarschiert sind (Bush), setzten ein naives, fiktives Enddatum für einen Krieg, als der Feind militärisch auf Augenhöhe agierte (Obama) und haben sich auch diplomatisch von den Taliban ausmanövrieren lassen (Trump).

Der neue US-Präsident kann auf keine gewachsenen politischen Strukturen in Kabul bauen. Die regionalen Machtzentren sind durch den verfehlten westlichen Fokus auf eine Zentralregierung in Kabul so unversöhnlich wie eh und je, mit den Warlords hat jede westliche Teilstreitmacht in ihrem Einflussbereich lieber Deals geschlossen, als sie zu entmachten (und vor Gericht zu bringen). Nun wetzen diese Herren wieder die Messer und werden zustechen, falls die Nachkriegsordnung für sie mehr Nach- als Vorteile bringt.

Seit Obama haben die Taliban leichtes Spiel

Die Taliban wissen schon seit Obama: Der Westen geht, wir brauchen das nur auszusitzen. Seit den Gesprächen mit Trumps Diplomaten kommt für sie noch die Erkenntnis hinzu: Wir bekommen, was wir wollen. Eigentlich hätte die Kabuler Regierung mit an den Verhandlungstisch gehört, als US-Vertreter und Taliban zusammensaßen. Doch die Islamisten haben ihren bilateralen Deal mit den USA geschlossen und sind den afghanischen Verhandlern nun entscheidende Schritte voraus.

Für die Taliban ergibt sich daraus folgende Strategie: Sie kämpfen weiter und überrennen Hunderte Sicherheitsposten der afghanischen Polizei. Die Friedensgespräche kollabieren nur deshalb nicht, weil weder Kabul noch der Westen Alternativen haben; der militärische Druck, um die diplomatischen Verhandlungen robust zu flankieren, ist seit dem weitreichenden Abzug gewichen.

Präsident Biden muss, wenn er das Schlimmste verhindern will, den Taliban nun wenigstens ein klares Signal geben: Wir bleiben als Schutzmacht der Kabuler Regierung, egal wie lange es dauert, bis eine Macht-Teilung erreicht ist. Er muss außerdem erreichen, was drei Präsidenten vor ihm nicht geschafft haben: die Afghanistan wenig wohlgesinnten Nachbarn, vor allem Pakistan, mit diplomatischer Härte dazu bewegen, sich aus den inneren Angelegenheiten Kabuls herauszuhalten. Bidens Erfolgsaussichten sind gering, aber der neue US-Oberbefehlshaber muss Erfolg haben, wenn der Westen diesen Einsatz nicht völlig blamiert beenden will.

© SZ/jok
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