Afghanistan:Es ist zum Schämen

Afghanistaneinsatz der Bundeswehr endet

Das Foto zeigt das verlassene Camp Marmal in Masar-i-Scharif, das den Stab der deutschen Streitkräfte in Afghanistan beherbergte.

(Foto: picture alliance/dpa/Bundeswehr)

Erst scheitern zwanzig Jahre Afghanistan-Engagement, dann dauert es ewig, bis die Bundesregierung Rettungsflieger schickt, während Hunderte in Kabul auf Hilfe warten. Die Geschichte dieses Auslandseinsatzes ist ein Desaster.

Kommentar von Stefan Braun

Auf das Debakel folgt das Desaster. Das ist keine schöne Reihung. Aber diese Bewertung ist beim Blick auf Afghanistan unumgänglich. Was die Bundesregierung in den letzten Wochen dieses traurig zu Ende gegangenen Einsatzes gezeigt hat, ist damit noch harmlos beschrieben. Die monatelange Zögerlichkeit beim Umgang mit den sogenannten Ortskräften, das absurde Unvorbereitetsein auf den Vormarsch der Taliban und das lähmende Warten darauf, dass endlich drei Bundeswehrflieger aufbrechen, um Botschaftsangehörige, andere deutsche Staatsbürger und Ortskräfte aus dieser lebensgefährlichen Situation herauszuholen - es ist nichts anderes als ein kollektives Regierungsversagen.

Absolut alles an diesem Auslandseinsatz war mühsam und schwierig, von der ersten Minute an. Aber ihn so zu beenden, bedeutet ein Scheitern auf ganzer Linie. Jetzt setzt sich der Eindruck fest, dass hier sehr viele nicht das Verantwortungsgefühl mitgebracht haben, um diesen Einsatz anständig zu Ende zu bringen. Anständig hätte geheißen, sich früh auf alle Eventualitäten vorzubereiten. Anständig hätte geheißen, sich rechtzeitig Gedanken zur Rettung und Aufnahme der Ortskräfte zu machen. Anständig hätte bedeutet, bei diesen Ortskräften nicht zu unterscheiden zwischen denen, deren Arbeitgeber die Bundeswehr war - und all den anderen, die für zivile Organisationen gearbeitet haben. Und anständig zu sein, hätte verlangt, im Moment der Not wirklich alle bürokratischen Hemmnisse hintanzustellen, um die Menschen rechtzeitig herauszuholen. Was da alles passiert oder eher alles nicht passiert ist: Es ist zum Schämen.

Die Bundesregierung ist als Kollektiv gescheitert

Hinzuzufügen ist, dass hier nicht ein Ministerium, ein Minister, eine Kanzlerin oder eine Partei besonders versagt haben. Es trifft alle: Die Bundesregierung ist als Kollektiv gescheitert. Natürlich hat sie nicht isoliert gehandelt, sondern im Bündnis mit zahlreichen EU- und Nato-Partnern. Und ja, bis zuletzt haben vor allem die USA Rahmenbedingungen gesetzt, die den deutschen Handlungsspielraum massiv einschränkten. Aber das darf nicht verhindern oder gar als Ausrede gelten, wenn es darum geht, sich angemessen zu wappnen.

Die Folgen dessen, was sich jetzt vor aller Augen abspielt, reicht weit über Afghanistan hinaus. Längst stellt sich die Frage, was der Eindruck, den Deutschland hier hinterlässt, für andere Einsätze bedeutet. Niemand sollte zu hoffen wagen, dass zum Beispiel Menschen in Mali, die derzeit den Deutschen dort als Dolmetscher, Fahrer und ortskundige Berater helfen, alle Augen und Ohren verschließen, um ja nicht auf die Idee zu kommen, dass es mit dieser Bundeswehr zu riskant werden könnte für sie. Im Gegenteil werden sie das ganz genau studieren - und sich mit Recht ihre Gedanken machen. Wer so mit Gefährten umgeht, darf sich nicht wundern, wenn die sich irgendwann zurückziehen.

Besonders traurig an all dem ist, dass sich jetzt wiederholt, was in den ersten Tagen, Wochen und Monaten dieses Einsatzes schon angelegt war: eine Uneinigkeit in der Regierung, die nicht überbrückt werden konnte. Vom ersten Tag an schafften es die drei beteiligten Ministerien nicht, sich wirklich auf eine Strategie zu einigen. Stattdessen stritten sich Auswärtiges Amt, Verteidigungsministerium und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung darum, wer das Sagen haben sollte, wer in Afghanistan die Strategie prägen würde - und vor allem auch darüber, was wann wo wichtig sein würde. Allen regionalen Wiederaufbauteams zum Trotz - in dieser Frage ist man sich nie einig geworden. Das Ergebnis: eine hohe Zahl an Toten und Verletzten, Kosten in Milliardenhöhe ohne nachhaltige Wirkung - und dieses Ende.

Die Geschichte dieses Einsatzes muss sehr bald nach der Wahl aufgearbeitet werden

Wie sich das alles nun auf den deutschen Wahlkampf auswirkt, lässt sich angesichts der verschiedenen Schuldzuweisungen längst erahnen. Viel wichtiger aber wäre es, die Geschichte dieses Einsatzes sehr bald nach der Wahl aufzuarbeiten. Gemeinsam, als gescheitertes Kollektiv, das alles unternimmt, um eine Wiederholung dieser Katastrophe zu verhindern. Bislang nämlich hatten deutsche Einsätze in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten einen guten Ruf. Erstens, weil die Deutschen nicht als martialische Militärs auftraten, sondern in der Regel helfen wollten, Frieden zu sichern. Und zweitens, weil man - eigentlich verrückt nach der Nazi-Schreckensherrschaft - ausgerechnet den Deutschen Übersicht und ein multilaterales, humanitäres Grundverständnis unterstellte. Ganz im Gegensatz zu anderen, die mit ihren Kriegen knallhart Eigeninteressen verfolgten.

Jetzt aber steht da das Fanal eines katastrophalen Rückzugs, bei dem Deutschland chaotisch agiert und sich dann auch noch vor allem um sich selbst kümmert. Das wird nachhallen. Und alle, die ein deutsches Engagement in der Welt für wichtig erachten, werden viel Mühe haben, diese Bilder noch einmal durch andere zu ersetzen.

© SZ/fzg
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