Äthiopien:Dikatorische Mehrheit

Abiy Ahmed und seine Partei gewinnen bei der Parlamentswahl in Äthiopien fast alle Sitze. Die Wahl war nicht wirklich frei, bietet aber vielleicht eine Chance auf Frieden.

Von Bernd Dörries

Gut drei Wochen haben sie in Äthiopien gebraucht, um das Ergebnis zu errechnen, das schon vorher feststand: Ministerpräsident Abiy Ahmed hat die Parlamentswahl vom Juni gewonnen, mit einer Mehrheit, die in autoritären Regimen eine gute Tradition hat: 410 von 436 Parlamentssitzen gehen an seine Partei.

Die fairste und freiste Wahl nannte Abiy den Urnengang, obwohl Teile der Opposition im Gefängnis sitzen und ein Fünftel des Landes nicht mitwählen durfte. Ist man zynisch, könnte man sagen, recht hat er trotzdem, weil es unter all den äthiopischen Diktaturen zuvor noch schlimmer war. Allerdings nimmt es auch Abiy inzwischen mit den schlimmsten seiner Vorgänger auf. Erst schloss er mit dem Erzfeind Eritrea Frieden, erhielt dafür den Nobelpreis, dann ging er gemeinsam mit den Nachbarn auf die eigene Bevölkerung los, Frauen wurden vergewaltigt, Männer in Massen erschossen und verscharrt.

Krieg, hatte er bei seiner Nobelpreisrede gesagt, mache die Menschen bitter und herzlos. So ist es letztlich auch mit Abiy geschehen. Für viele war es ein Rätsel, wie ein mutiger Reformer so schnell zum Kriegstreiber werden konnte. Sein Narzissmus mag der Hauptgrund sein. Die Wahl ist wahrscheinlich seine letzte Chance, sich neu zu erfinden, zu den Zielen zurückzukehren, die er vielleicht einmal hatte.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB