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Äthiopien:Es ist noch nicht zu spät

Das riesige Land am Horn von Afrika steuert auf einen Bürgerkrieg zu. Natürlich spielen dabei auch ethnische Konflikte zwischen den 80 Volksgruppen eine Rolle, vor allem aber ist es der blutige Prozess der Nationenbildung.

Von Bernd Dörries

Vielleicht schauen manche jetzt auf Äthiopien und denken sich: Na, da hauen sie sich unten in Afrika mal wieder die Köpfe ein, ist doch immer dasselbe. Das Riesenreich am Horn von Afrika steht derzeit am Rand eines Bürgerkriegs, der oft als ein ethnischer Konflikt beschrieben wird. Ganz falsch ist das nicht, es schwingt aber eben immer mit, dass diese Ethnien nicht anders können, als sich zu bekriegen. Was in Äthiopien derzeit passiert, ist letztlich ein schmerzhafter Prozess der Nationenbildung, der dort wie an vielen anderen Orten und zu anderen Zeiten leider nicht unblutig verläuft.

Äthiopien ist ein Land mit 110 Millionen Einwohnern, es ist als einziges Land Afrikas nie wirklich kolonialisiert worden, hat seine eigene Schrift, Uhrzeit und seinen eigenen Kalender. Es gibt etwa 80 Volksgruppen, die sich darauf einigen können, dass es kein besseres Essen gibt als das säuerliche Fladenbrot Injera. Aber sonst oft auf nicht sehr viel mehr.

Das Land hat in den vergangenen Jahrzehnten alle möglichen Staatsformen durchgemacht, war Kaiserreich, kommunistische Betondiktatur und autoritärer Einparteienstaat. Seit zwei Jahren regiert Premier Abiy Ahmed, der für seine radikalen Reformen den Friedensnobelpreis bekam. Jetzt führt er das Land in den Krieg. Er bestätigt jene, die immer befürchtet haben, dass ein Land wie Äthiopien nur autoritär und gewaltsam zusammengehalten werden kann.

Kaiser Menelik II. zwang die Völker in das Riesenreich

Es war nicht der Wunsch aller seiner Völker, dem Riesenreich beizutreten, das hat Kaiser Menelik II. für sie entschieden, der sich sein eigenes Traumreich schuf. Es ist seitdem nur bedingt gelungen, Mechanismen zum Interessenausgleich und zur Konfliktlösung zwischen den Volksgruppen zu finden. Äthiopien ist als Staat im ethnischen Föderalismus organisiert, die großen Gruppen wurden in eigene Bundesstaaten aufgegliedert, mit weitreichender Autonomie. Die dann faktisch aber wenig bedeutete, da die Zentralregierung jahrzehntelang von der kleinen Minderheit der Tigray dominiert wurde.

Abiy ist nun der erste aus der Mehrheit der Oromo, der das Land regiert, und erreichen möchte, dass sich seine Bürger zuerst als Äthiopier verstehen, der die ewige Rivalität und den Hass beenden will und deshalb die Autonomie der Regionen eingeschränkt hat. Das klingt gut, nur sehen es viele Äthiopier anders, sind nach Jahren der Unterdrückung misstrauisch gegenüber dem Zentralstaat. Dass Abiy nun Truppen gegen Tigray marschieren lässt, kann als Bestätigung gelten. Es entsteht ein Konflikt, der schnell außer Kontrolle geraten kann.

Noch ist die Eskalation umkehrbar - mit Hilfe von außen

Der Rest der Welt nimmt das recht teilnahmslos zur Kenntnis, ist mit sich selbst, den Wahlen in den USA und dem Brexit beschäftigt. Keiner drängt Abiy zurück an den Verhandlungstisch. Vielleicht wird man in ein paar Jahren diese Zeit als eine der verpassten Chancen für ein neues Äthiopien sehen, das ja auf einem so guten Weg war, im Schnitt der vergangenen Jahre eines der am schnellsten wachsenden Länder der Welt.

Der Erfolg ist ein Grund für die Unzufriedenheit, für die Unruhe so vieler junger Äthiopier. Jahrzehnte hat das Land in Bildung investiert, jetzt gibt es Hunderttausende Uni-Absolventen, die keinen Job finden; die demokratischen Reformen bleiben für sie ohne greifbare Dividende, sie werden anfällig für nationalistische Scharfmacher aller Gruppen. Noch ist die Eskalation nicht unumkehrbar, die internationale Gemeinschaft muss Abiy zum Waffenstillstand drängen. Und danach viel mehr in Äthiopien investieren als bisher.

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