Äthiopien:Plötzlich eine Chance

Der Premier ruft einen Waffenstillstand im Bürgerkrieg aus. Jetzt ist die Weltgemeinschaft an der Reihe.

Kommentar von Bernd Dörries

Es war ein völlig neuer Ton, den die Regierung von Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed am Donnerstagabend anschlug. Es kamen nicht die üblichen Vorwürfe, dass die andere Seite an allem schuld sei im nun schon 17 Monate andauernden Bürgerkrieg in Äthiopien. Stattdessen ließ Abiy einen einseitigen Waffenstillstand verkünden. Vielleicht hat er tatsächlich gemerkt, dass er mit seiner Ende 2020 begonnenen "kurzfristigen" Polizeiaktion gegen die abtrünnige Region Tigray nichts erreicht hat. Zehntausende sind gestorben, Millionen ohne Essen. Überall im Land sind alte Konflikte wieder ausgebrochen, ist eine Spirale der Rache entstanden.

Nun sind zum ersten Mal seit Beginn des Krieges beide Seiten grundsätzlich zu einem Waffenstillstand bereit. Das ist eine überraschende Entwicklung in einem Konflikt, den die Welt in den vergangenen Monaten schon als unlösbar abgeschrieben und sich neuen Katastrophen zugewandt hatte. Wohl auch deshalb bittet Abiy die Spender, weiter großzügig zu spenden. Das sollte die Weltgemeinschaft tatsächlich tun, auch wenn alle Aufmerksamkeit gerade der Ukraine zu gelten scheint. In Äthiopien bietet sich gerade die seltene Chance, zumindest ganz am Anfang einer nachhaltigen Entwicklung hin zum Frieden zu stehen. Den können nur die Äthiopier selber schaffen, Druck von außen war in der Vergangenheit eher hinderlich.

Die Chance sollte aber auch nicht daran scheitern, dass kein Geld da ist für Hilfslieferungen an die darbende Bevölkerung. Denn sicher ist: Ohne Hilfe hört der Krieg nicht auf.

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