Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Paul Sahner:"Ich habe immer versucht, kein Dreckskerl zu sein"

Paul Sahner war der berühmteste Klatschreporter des Landes. Kurz vor seinem 70. Geburtstag sprach die SZ mit ihm über Intimzonen, den Glamourfaktor der deutschen Politik und den Papst.

Von Hans Werner Kilz

In Paul Sahners Münchner Stadtwohnung mit Blick auf den Viktualienmarkt gibt es Mineralwasser und zur Begrüßung gute Zahlen. Die Ausgabe der Bunten, die auf dem Tisch liegt, hat sich am Kiosk wieder besser verkauft als der Stern. Ein bisschen stolz ist er als Mitglied der Chefredaktion darauf schon. Später kommt seine Frau vorbei und bringt Cappuccino. Und Sahner hat Lust zu reden.

SZ: Als Deutschlands Gesellschaftsreporter Nr. 1 oder "Doyen der Klatschindustrie", wie Sie der Spiegel mal nannte, müssen Sie besondere Fähigkeiten haben.

Paul Sahner: Glaub' ich nicht.

Sie haben eine tolle Stimme . . .

Ihre ist auch toll.

Meine hat eine rheinhessische Färbung, Ihre ist akzentfrei, ein wenig tief, kräftig und doch weich. Eine Chanson-Stimme, die offenbar alle Gesprächspartner wehrlos macht. Haben Sie davon bei Ihren Interviews profitiert?

Keine Ahnung. Ich hab' mal ganz am Anfang des Privatradios mit Calli Hollmann so eine Sendung gemacht, da habe ich Promis angerufen und mit denen geplaudert . . .

Carlheinz Hollmann war Moderator beim NDR und mit der deutschen Schönheitskönigin Gerti Daub verheiratet.

Sie hätten auch bei Bunte Karriere machen können.

Ich möchte nur unsere Leser informieren, mit wem ich hier rede. Sie dienen mehr der Unterhaltung. Finden Sie Ihre Fragen zum Intimleben der Menschen immer statthaft, oder gibt es auch Fragen, die Geschmacksgrenzen verletzen?

Unkorrekte Fragen gibt es nicht. Es gibt dumme Antworten.

Alter journalistischer Grundsatz: Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. Genieren Sie sich auch für manche Fragen?

Ja, ja, schon klar.

Aber Sie müssen diese Fragen trotzdem stellen?

Ja.

Um was zu erfahren?

Die Wahrheit.

Wenn Sie sich selbstkritisch prüfen: Wann und bei wem haben Sie die Geschmacksgrenze verletzt?

Heute würde ich keine Interviews mehr machen, in denen es um den Genitalbereich geht. Wie bei Udo Jürgens, der damals sehr bereitwillig über Selbstbefriedigung gesprochen hat und dass sein kleiner Freund ein Eigenleben führe. Die Zeit ist vorbei für mich.

Kennen Sie so etwas wie Schamgefühl? Fremdschämen? Oder können Sie sich solche Empfindungen bei Ihrem Job gar nicht leisten?

Doch, natürlich, ich führe zwar keine Selbstgespräche. Aber ich hinterfrage mich, ist es richtig, was ich gerade gemacht habe?

Müssen Sie als "König der Klatschreporter" (NZZ am Sonntag) manchmal auch ein Dreckskerl sein?

Das hört sich zwar jetzt bescheuert an, aber ich habe immer versucht, kein Dreckskerl zu sein. Ich bin eigentlich ein Journalist der sauberen Art, und sauber ist das Gegenteil von dreckig.

Aber wenn Sie von einem Ihrer alternden Stars erfahren haben, dass es mit dem Sex nicht mehr so läuft, dann kannten Sie kein Tabu und haben danach gefragt.

Ja, das ist der alte Paul Sahner gewesen, der auch Interesse an diesen Intimzonen hatte.

Macht es Sie zornig, wenn die Kollegen manchmal vom "Schweine-Paul" reden?

Keine Ahnung, also mir persönlich sagen sie es ja nicht. Und wenn ich es erfahre, dann bin ich halt der Schweine-Paul. Ich habe es noch nicht gehört.

Auch Doris Schröder-Köpf, die Frau des früheren Bundeskanzlers, nannte Sie mal "bösartig und penetrant". Sie war immerhin Ihre Kollegin bei Burda. Warum haben Sie es sich mit ihr verdorben?

Ich weiß es nicht, wir waren von Anfang an sehr offen mit ihr. Als damals bekannt wurde, dass sie die neue Frau im Leben von Gerhard Schröder ist, da rief mich frühmorgens der Wagner an . . .

Franz Josef Wagner, der damalige Chefredakteur der Bunten und heutige Bild-Kolumnist.

Er sagte, wer ist das? Und ich sagte, das ist eine Münchner Journalistin, die sitzt hier im Nebenhaus, das ist Doris Köpf.

Sie war damals Mitarbeiterin von Focus.

Wir haben sie in der Kantine aufgestöbert, und sie hat gesagt: Ja, auf euch habe ich schon gewartet, dann sind wir gemeinsam hochgegangen. Und sie hat erzählt.

Klingt bis dahin nicht nach einem gestörten Verhältnis.

Klar, wir waren mal gut miteinander. Sicherlich keine Freunde, aber wir mochten uns. Das ist dann gekippt, als ich mich in einer Talkshow ein bisschen auf die Seite von Hillu geschlagen habe.

Schröders damalige Frau Hiltrud.

Später habe ich dann noch seine Mutter besucht und ein einfühlsames Porträt geschrieben. Da ist er ausgerastet im Wahlkampfzug. Fand das eine Unverschämtheit und wollte das Interview sofort haben.

Warum denn das?

Da standen halt viele Sachen drin, die ihm zu privat waren, warum seine Haare noch so dunkel sind und er keine Kinder kriegt. Und sie sagte: Also, Herr Sahner, mich hat noch nie ein Journalist gefragt wegen der Haarfarbe meines Sohnes, aber ich kann Ihnen versichern, dass er sich nicht färbt.

Dinge, die nicht entscheidend sind, ob einer Kanzler kann oder nicht.

Einverstanden. Nur wollte ich wissen: Was macht er denn mit den Haaren, dass sie noch so dunkel sind? Er reibt sich so eine Tinktur rein, hat die Mutter gesagt, und das war das gleiche Zeug, was ich damals auch benutzt habe, und ich sah halt genauso seltsam aus wie er. Wie mit lupenreiner Schuhwichse reingerieben.

Und wie ist Ihr Verhältnis zur amtierenden Kanzlerin? Man hat so den Eindruck, mit dem Brioni-Träger Schröder ist auch der Glamour aus dem Kanzleramt verschwunden.

Total. Frau Merkel begrenzt sich auf das, was sie auf der Weltbühne zeigen darf. Und immer wieder nimmt sie ein paar Kilo ab, wechselt die Farben ihrer Jacken. Und dann jettet Mutti nach Brasilien, feiert mit halbnackten Spielern in der Kabine, und 27 Millionen Wahlberechtigte schauen zu. Top. Ihr Mann, Joachim Sauer, findet eigentlich gar nicht statt, ist fast nie zu sehen - außer auf Paparazzi-Fotos bei Urlauben auf Ischia.

Wem in Merkels Kabinett würden Sie denn noch einen gewissen Glamourfaktor zugestehen?

Na ja, Ursula von der Leyen ist sicherlich sehr taff. Und Verteidigungsminister ist jetzt ihre Bewährungsprobe. Wenn sie das gut macht, bin ich sicher, dass sie als Kanzlerkandidatin antritt.

Schauen Sie eigentlich manchmal ein wenig neidisch ins Ausland, wenn Sie Paarungen wie Nicolas Sarkozy und Carla Bruni sehen, oder Berlusconi und vor Jahren Clinton?

Clinton war natürlich großartig.

Mit Monica Lewinsky, seiner love affair im Weißen Haus.

Da können wir nicht mithalten in Deutschland. Gut, wir haben zwei ehemalige Spitzenpolitiker mit je vier Ehen . . .

Schröder und Fischer . . .

. . . . aber an Typen wie Berlusconi mit seinen Bunga-Bunga-Tänzerinnen, da reichen deutsche Spitzenpolitiker nicht ran.

Hat Ihr Genre denn insgesamt an Reiz verloren, weil durch digitale Medien inzwischen die intimsten Botschaften im Netz verbreitet werden? Dokumente der Blamage werden blitzschnell veröffentlicht. Das Web lässt Enthüllungen des Privaten als etwas Normales erscheinen.

Wissen Sie, was schlimm ist: Dass man jemanden anruft, um etwas Neues zu erfahren, ob das stimmt, dass gerade eine Scheidung läuft oder so, da hat man gerade den Hörer aufgelegt und zehn Minuten später ist schon ein Anwaltsschreiben da. Das ist wirklich eine Katastrophe.

Wird Berichterstattung schon im Vorfeld untersagt?

Es gibt mittlerweile eine Horde von Anwälten, die darauf spezialisiert sind. Einer rief an bei einem der bekanntesten deutschen TV-Stars, weil in irgendeinem Schmuddelblatt eine Titelgeschichte über Ehefrau und Geliebte erschienen war, und empfahl, auf 100 000 Euro Schadenersatz zu pochen. Da müssen die am Ende keinen Cent zahlen, stattdessen kriegt der Schauspieler eine Rechnung über 9800 Euro. Das hat sich mittlerweile so eingebürgert, so etwas nenne ich "Mandantenschütteln", wie früher beim Boulevard das "Witwenschütteln".

Hatten Sie viele Prozesse zu überstehen?

Nein, ganz wenige.

Welcher war der spektakulärste?

Das war der von Bernd Tewaag.

Dem Ex-Mann von Uschi Glas.

Das war eine fatale Geschichte für mich. Wir hatten ein gutes Verhältnis, und dann wurde publik, dass die Ehe geschieden wird. Da hab ich ihn angerufen, und er hat mir ziemlich harte Sachen erzählt. Und da hab ich gesagt: Das ist so gravierend, da muss ich jetzt die Uschi anrufen . .

. . . um die Gegenseite zu hören.

Genau, und er hat nie bestritten, mir alles erzählt zu haben. Aber er glaubte, dass ich es als Journalist nicht verbraten würde.

Haben Sie sein Vertrauen verletzt oder war er naiv?

Letztendlich hat er recht. Ich hätte wissen müssen, dass die Aussagen so heftig waren, dass sie ihn verletzen würden. Wir mussten dann eine Gegendarstellung bringen, und das war natürlich heftig.

Trauen sich manche Ihrer Gesprächspartner nicht zu klagen, weil sie fürchten müssen, dass dann noch weitere unangenehme Details folgen?

Das glaube ich nicht.

Sie grinsen bei dieser Antwort.

Ja, ich grinse. Wir arbeiten nicht mit erpresserischen Mitteln, das gab's früher mal, in den 70ern. Ich erinnere mich an einen Boulevardkollegen, der sagte: "Entweder Sie erzählen mir, dass Ihre Ehe kaputt ist, oder wir schreiben über Ihren Krebs. Dann kriegen Sie keine Aufträge mehr." Das ist mit meinem Arbeitsethos nicht vereinbar.

Der Exhibitionismus, auf intime Fragen zu antworten, sei ungebrochen, haben Sie in einem Interview gesagt. Gilt das auch für Sie selbst?

Also privat erzähle ich gerne.

Und im Interview?

Probieren Sie's mal.

Sind Sie eitel?

Ja.

Woran machen Sie das fest?

Eitelkeit ist die Triebfeder jedes Journalisten. Am eitelsten sind jene, die behaupten, nicht eitel zu sein.

Warum haben Sie sich einst die Haare gefärbt?

Weil ich geglaubt habe, dass dunkle Haare jugendlich wirken, sexy sind, und dass Frauen darauf stehen. Und dann hat meine jetzige Frau gesagt, du machst dich lächerlich, und sie hatte recht.

Schönheitsoperationen haben Sie für sich immer abgelehnt. Diesen Standpunkt haben Sie offenbar aufgegeben?

Nein, eigentlich immer noch nicht.

Eigentlich? Soll heißen, ein paar Kleinigkeiten sind gemacht worden? Wenn ich frühere Bilder mit dem Mann vergleiche, der mir nun mit 70 gegenübersitzt . . .

Ich würde es Ihnen sagen, Sie Schmeichler. Ich habe in der Redaktion mal geäußert, dass ich das als Versuchskarnickel aus journalistischer Neugier machen würde. Dann habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen und sie sagte, du bist ja bescheuert, steh zu deinen Falten. Ich habe auch in diesem Fall auf sie gehört.

Sie sind - als leidenschaftlicher Heterosexueller darf ich das sagen - ein gut aussehender Mann. Hat das Ihnen die Arbeit erleichtert?

Ich weiß nicht, ob ich gut aussehend bin. Da endet meine Eitelkeit.

Sie kokettieren. Frauen, die ich gefragt habe, bestätigen das. Wenn man Paul Sahner interviewt, müssen auch ein paar Paul-Sahner-Fragen erlaubt sein.

Nur zu.

Wie viel Sex haben Sie noch?

Das ist eine sehr intime Frage. Und ich glaube, wenn ich es Ihnen sagen würde, wäre das nicht so angenehm für meine Frau, die ich sehr liebe. Also, bei dieser Frage nehme ich den Joker. Wenn ich Sie danach fragen würde, würden Sie darauf antworten?

Nein. Nächste Frage: Mit wie vielen Ihrer Interview-Partnerinnen haben Sie geschlafen? Sie dürfen davor und danach zusammenzählen.

Zwei.

Die Antwort kam schnell und präzise. Wieso erinnern Sie sich so genau?

Die eine war eine sehr bekannte Schauspielerin, die neben Michel Piccoli und Romy Schneider im Trio infernal mitspielte. Wir waren dann eine Zeit zusammen.

Als "Gottvater der Intimbeichte" (taz) wollen Sie nun kürzertreten, "ein bisschen Distanz gewinnen" und "jüngeren Kollegen den Vortritt lassen". Sie wollen Ihr Leben entschleunigen und "andere schöne Sachen" machen. Was denn?

Mehr Tennis spielen, Rad fahren, die Natur genießen. Jeden Morgen im Sommer im Chiemgau um acht mit Horst Köhler und seiner Frau im Wössener See schwimmen.

Dem früheren Bundespräsidenten?

Ja, das ist ein wunderbares Bild, wie die beiden, die sich wirklich lieben - man wird direkt neidisch - ihre Runden ziehen wie zwei Schwäne.

Und wann kommt Ihre Biografie?

Ich denke, dass ich im Oktober fertig bin, und werde sie zunächst Liz Mohn anbieten.

Der Bertelsmann-Chefin.

Sie hatte mir mal gesagt, wenn ich die Biografie geschrieben hätte, würde sie gern mal reinschauen. Die wird total schräg.

Sie bleiben der Bunten und Burda vertraglich verbunden. Welcher Gesprächspartner fehlt denn noch?

Der neue Papst.

Den alten haben Sie nicht so geschätzt.

Nein, das ist ein eigenartiger Mensch.

Was haben Sie gegen Josef Ratzinger, Papst Benedikt XVI. ?

Der hat mal wegen mir geweint, weil ich ein Gespräch auf dem Weg zur Malteserkapelle in Rom für eine Reportage über ihn verwendet habe.

Kein Grund zum Weinen.

Aber er hat bestritten, mit mir gesprochen zu haben, obwohl alles auf Band war.

Ein Dementi vom Papst, was soll jetzt noch kommen?

Nichts mehr.

Was wird bleiben vom Journalisten Paul Sahner?

Nichts.

Was sollte bleiben?

Auch nichts. Ich habe eine gute Zeit gehabt. Ich hoffe noch auf ein paar gute Jahre als Journalist, aber bleiben wird gar nichts. Asche. Asche, ja. Aber mehr nicht.

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Quelle:
SZ vom 21.06.2014
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