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Zum Tod von Frank Schirrmacher:"Er ist unersetzlich"

Auf seiner Suche nach diesen neuen Themen halfen ihm aber nicht nur seine Neugier und Begeisterungsfähigkeit. Es war auch seine Art, Leute für sich zu gewinnen. Als er im Januar 2010 bei der Vorbereitung zu einer Podiumsdiskussion beim DLD-Kongress in München den Informatiker der Yale University David Gelernter kennenlernte, erkannte er in diesem so visionären wie konservativen Intellektuellen einen Gleichgesinnten.

Er beließ es nicht beim Podium. Zwei Tage lang wich er dem amerikanischen Wissenschaftler nicht von der Seite. Er umkreiste dessen hochkomplexe Gedankenwelt erst mit zielsicheren Fragen, fand erst die Gemeinsamkeiten, dann die Lücken in gemeinsamen Leidenschaften in der Kultur, die er mit seiner europäischen Bildungswucht schließen konnte. Aus der Begegnung wurde eine transatlantische Freundschaft, die er immer wieder für die Seiten seines Feuilletons nutzte.

Zu seinem Gespür für Debatten gehörte aber auch seine Bereitschaft, sich zu verrennen. 2007 machte er die Bekanntschaft mit dem Filmregisseur Bryan Singer und vor allem mit dessen Schauspielerstar Tom Cruise, die in Berlin die Geschichte des Stauffenberg-Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli des Jahres 1944 verfilmten. Früh las er das Drehbuch von Christopher McQuarrie. Der Film werde die deutsche Geschichtsschreibung prägen, schrieb er.

Im November vor sieben Jahren hielt er bei der Verleihung des Bambi-Preises an Tom Cruise sogar die Laudatio. Da sagte er: "Eine breite Öffentlichkeit wird anhand seiner Geschichte verstehen, dass man sich dem Unmenschlichen widersetzen kann, und dass Heldenmut und eine menschliche Haltung noch wichtiger sind als der Erfolg einer Tat."

Schirrmacher hatte einen Nerv getroffen. Und sich trotzdem geirrt. Doch beirren ließ er sich davon nicht. Selbst als der Backlash begann, und man ihn kritisierte, er habe sich für einen Kopf der Scientology engagiert, kam er immer wieder auf den Kern seiner Begeisterung zurück - wie wichtig es sei, dass gerade ein Team aus Hollywood einen Film drehe, in dem die Deutschen nicht nur als Nazis porträtiert würden.

Protagonist der Zukunftsdebatten

Bald war Frank Schirrmacher aber nicht mehr nur Begleiter, sondern selbst Protagonist der Zukunftsdebatten. 2009 erschien sein Buch "Payback", stieg zum Bestseller auf, wie zuvor schon seine Prognose des kommenden Generationenkonflikts einer alternden Gesellschaft "Das Methusalem-Komplott" und sein Buch "Minimum". "Payback" war die erste wirklich intellektuelle Auseinandersetzung mit der digitalen Kultur, die in Deutschland erschien.

Der Untertitel war Programm: Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen. Es war eine der ersten großen intellektuellen Auseinandersetzungen mit den Gefahren der digitalen Technologien, die nicht aus den digitalen Kreisen selbst und auch nicht aus den Denkburgen der Informatiker kam, sondern aus der Tradition der europäischen Geisteswissenschaften. Es war eine scharfe Abrechnung mit dem Zeitgeist, der in den digitalen Medien so etwas wie ein Heilsversprechen sah. Und er machte sich damit zunächst nicht nur beliebt.

"Es ist sehr wichtig zu betonen, dass wir hier nicht über Kulturpessimismus reden", sagte Schirmacher im Gespräch mit John Brockman, das der im Herbst 2009 auf edge.org veröffentlichte. "Wir reden über eine neue Technologie, die de facto eine Gehirntechnologie ist, die mit Intelligenz zu tun hat, also mit Denken und dass diese neue Technologie sehr real mit der Geistesgeschichte des europäischen Denkens zusammenprallt." Die aber war ihm zwar nicht heilig. Aber er sah die Gefahr, die entsteht, wenn man mit dem Gestus der Revolution mit der Geschichte bricht. Wenn aus Idealismus Ideologie wird.

Als John Brockman nun von Frank Schirrmachers Tod erfuhr, war er nicht nur so traurig und geschockt wie viele andere. Sofort entfuhr es ihm: "Das ist ein Verlust, den Sie nicht nur in Deutschland spüren werden, sondern in der ganzen Welt. Er ist unersetzlich. Er schaffte es, dass das intellektuelle Leben in Deutschland über das in Amerika triumphieren konnte. Weil er es wagte, Themen auf die Agenda zu setzen, die niemand in Amerika auf die Agenda setzen wollte."

Auf "Payback" folgte der nächste Wurf: "Ego: Das Spiel des Lebens", in dem er die Auswirkungen einer von Gier und Internet getriebenen Weltwirtschaft durchleuchtete. Zur gleichen Zeit brachte er die immer schärfere Kapitalismuskritik ins einst so konservative Feuilleton der FAZ. Am Donnerstag ist Frank Schirrmacher in Frankfurt an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben. Er hinterlässt seine Frau, einen erwachsenen Sohn und eine kleine Tochter. Es wird nun nicht nur seine Person sein, die man vermisst, sondern auch die vielen seiner ungeschriebenen Bücher, seiner ungeführten Debatten. Er wurde 54 Jahre alt.

© SZ vom 13.06.2014/mkoh

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