Zum Tod von Frank Schirrmacher Machtanspruch und Unsicherheit

Vielleicht am abträglichsten war, wie der Artikel konstatierte, "Schirrmachers sorgloser Umgang mit der eigenen Biografie": Schirrmacher wurde an der Gesamthochschule Siegen promoviert - mit einer Arbeit über Kafka, die er fast genauso zuvor schon publiziert hatte. Den Titel änderte er später, sodass es wirkte, als sei seine Doktorarbeit - wie es sich gehört - ein völlig neuer Text. Genussvoll wurde ihm das nun vorgehalten. Der Verleger Siegfried Unseld befand anschließend, da sei "aus einem höchstmöglichen Nichts an Inhaltlichem die höchstmögliche Wirkung von Häme" ermittelt worden.

Mehr als von diesem Artikel fühlte Schirrmacher sich aber dann infrage gestellt von dem Umstand, dass etliche Redakteure das FAZ-Feuilleton verließen (unter ihnen Gustav Seibt). Die Nachzügler erlebten 1997 einen zurückhaltenden, wie gezähmt auftretenden Schirrmacher. Dem Feuilleton der FAZ tat es gut, dass die Experten ihrer jeweiligen Fächer nun unter ihm frei arbeiten konnten.

Das währte indes nicht lange. Schon 1998 nahm Schirrmacher die Zügel im FAZ-Feuilleton wieder fest in die Hand. Mitunter konnte man ihn sehen, wie er sich hinter Redakteuren, die am Computer saßen, postiert hatte und ihnen strenge Ratschläge gab, wie sie ihre Artikel zu intonieren oder auch wie sie die Texte en détail zu schreiben hätten. Mit dieser Art brachte er es kurz nach der Jahrtausendwende zuwege, dass abermals etliche Feuilleton-Redakteure die FAZ verließen (unter ihnen Franziska Augstein).

In Frank Schirrmacher mischten sich größter Machtanspruch und Unsicherheit. Das mag seiner kleinbürgerlichen Herkunft geschuldet sein: Dass einer wie er jemals zu einem der Vordenker der Bundesrepublik werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Einmal war zu beobachten, wie er mit einem Jackett herumlief, dessen einer Manschettenknopf dabei war, sich zu lösen: Ein langer Faden hing herunter. Kurz entschlossen griff eine Redakteurin zur großen Papierschere, näherte sich Schirrmacher - "Sie erlauben?" - und schnitt den Faden ab. Schirrmacher ließ es mit sich geschehen, aber im Fortgehen sagte er mit drohendem Unterton: "Ist irgend was?" Gern ging er mit Marcel Reich-Ranicki und seiner ersten Ehefrau zum Abendessen. Die Weinkarte studierte er nicht lange. Er sagte: Wir nehmen einen teuren Rotwein, der muss gut sein.

Mehr als ein klassischer Kulturmensch

Schirrmacher hatte eine große Doppelbegabung: Er konnte neue Themen früh ausmachen. Er wusste - Monate, bevor andere es wussten - was in der Bundesrepublik zur Sprache kommen würde. Und er war großartig im Hinblick auf die Absprache mit wichtigen Leuten. Seine Artikel schrieb er ziemlich schnell. Darüber hinaus aber wollte er gern mitmischen, seine Finger überall drin haben. Beides ist ihm gelungen.

Frank Schirrmacher war aber nicht nur ein klassischer Kulturmensch, nicht nur ein scharfer Gesellschaftskritiker konservativer Tradition, nicht nur ein großer Publizist. Er war auch einer der ersten "Digerati", also einer jener Intellektuellen des 21. Jahrhunderts, die auf dem Scheitelpunkt zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften eine Zukunft erkannten, die von den Technologien getrieben neue Welten eröffneten. Weil er aber aus der europäischen Tradition des kritischen Denkens kam, war er weitgehend immun gegen die verführerische Euphorie, die von den amerikanischen Küsten über den Atlantik wehte.

Sicher, der Begeisterung, mit der er sich in die neuen Themen stürzte, schienen keine Grenzen gesetzt zu sein. Unvergessen ist das Feuilleton der FAZ vom 27. Juni 2000, auf dem über sechs Seiten nichts Anderes zu lesen war, als die abstrakte Buchstabenfolge des menschlichen Genoms, das der Biochemiker Craig Venter als erster Wissenschaftler komplett entschlüsselt hatte. Die Überschrift lautete: "Craig Venters letzte Worte".

Die Beharrlichkeit, mit der Schirrmacher Themen nicht nur setzte, sondern von allen Seiten und von allen Beteiligten und Unbeteiligten beleuchten ließ, war einzigartig. Alleine die jüngsten Debatten um die Gefahren der digitalen Kultur durch die Monopolansprüche der Silicon-Valley-Konzerne und die globalen Spähprogramme der NSA zeigten, mit welch intellektueller Verve man Debatten führen kann, deren Höhen und Tiefen oft hinter undurchdringlichem Techno-Jargon und einem blinden Zukunftsglauben verschleiert blieben. Es gibt nicht allzu viele kritische Geister auf diesem Gebiet.

Journalistisches Gespür

Doch Schirrmacher erkannte sie nicht nur früh, er förderte sie auch: David Gelernter, Evgeny Morozov, Constanze Kurz, George Dyson oder der diesjährige Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Jaron Lanier, bekamen im Feuilleton der FAZ Raum, um ihre Gedanken in einer Länge und über eine Dauer hinweg zu entwickeln, die es sonst nur in akademischen Journalen gab. Immer geführt von seinem journalistischen Gespür, wie man die gebildeten Stände des mittleren Europas nachhaltig mit dem kalifornischen Geist vertraut macht.

Man konnte diesen Frank Schirrmacher auch jenseits des Atlantiks erleben. Wenn man beispielsweise hoch über dem Central Park auf der Terrasse des New Yorker Literaturagenten John Brockman stand, der mit seinem Internetforum edge.org so etwas wie der globale Knotenpunkt dieses neuen wissenschaftlichen Weltgeistes ist. Da konnte es sein, dass Brockmans Handy klingelte und der erfreut "Frank!" ausrief. Was zu einem ausgiebigen Telefonat über den jüngsten Stand der evolutionären Biologie, der Verhaltensökonomie oder der Gentechnik führen konnte. War Frank Schirrmacher da auf einer neuen Spur, klingelte Brockmans Handy auch mal fünf oder zehn Mal hintereinander, immer wieder begrüßt von dem freudigen "Frank!". Da wusste man auch in New York, dass die Zukunft nun sehr viel schneller in Europa ankommen würde als zuvor.