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Zum Tod von Ferdinand Simoneit:Spiel Golf!

Der Journalismus sei zu 80 Prozent Handwerk, sagte Medienkenner und Journalistenlehrer Ferdinand Simoneit. Der Rest sind gute Kontakte.

Da war die Sache mit dem Blankoscheck. Ein Automobilhersteller hatte ihn ausgestellt, in der Hoffnung auf liebreizende Berichterstattung, doch der Journalist Ferdinand Simoneit brachte ihn an der Wand vor seinem Schreibtisch an. Davon erzählte er gerne, von den moralischen Anfeindungen in der Presse und davon, wie unkorrumpierbar ein guter Reporter sein müsse - Simoneit wurde so zum Vorbild seiner Zunft.

An Erfahrung fehlte es dem 1925 in Duisburg geborenen Wirtschaftsexperten nicht. Er schlug sich nach dem Krieg als Hafen- und Bauarbeiter durch, studierte Architektur und kam aus Verdruss über die schlechten Architekturkritiken in Zeitungen zum Schreiben. Nach einem Volontariat bei der Rheinischen Post ging er 1955 zum Spiegel, wo er während 15 Jahren in Düsseldorf, Neu-Delhi, Moskau und als Chefkorrespondent wirkte. "Was brauche ich den Pressesprecher, ich treffe ja den Vorstandschef beim Golf", war ein Leitspruch Simoneits, der Rhein-Ruhr-Chefs wie Bertold Beitz vom Krupp-Konzern gut kannte und die Episoden mit den Großen zum Bestseller Die neuen Bosse oder So wird man Generaldirektor verarbeitete.

Den Hang zum Bonmot zeichnete diesen Aufsteiger der Wirtschaftswunderwelt aus. Er ging keinem Ärger aus dem Weg, auch nicht mit Großverleger Axel Springer. In seinem Job als Capital-Chefredakteur hatte er den Einheitskämpfer, der für seine Mission Verluste bei der Welt in Kauf nahm, als "Brandenburger Tor" bewertet. Leider war die Enthüllung, die CIA habe den damaligen Verfassungsschutzchef Günther Nollau (SPD) als Ost-Spion enttarnt, eine Ente, und Simoneit reichte Urlaub ein. Danach war der Fan schneller Autos 13 Jahre lang Redaktionsdirektor im Stuttgarter Verlag Motorpresse ( Auto, Motor, Sport). An diese Zeit erinnerte 1993 sein Buch Mein Freund ist ein lackierter Kampfhund.

In seinem Element

Gelegentlich hielt er Vorlesungen über sein Gewerbe, das führte zu seiner zweiten Karriere: erst als Journalismus-Professor an der Uni Hohenheim, dann als Vordenker und Leiter der 1988 gegründeten Georg-von-Holtzbrinck-Schule, der Ausbildungsstätte für Wirtschaftsjournalisten der Handelsblatt-Gruppe.

Hier, an der alten Wirkungsstätte Düsseldorf, war Ferdinand Simoneit, der mit dem Buch Indiskretion Ehrensache der Branche seinen Spiegel vorhielt, in seinem Element. Er hat zehn Jahre lang aufstrebende Wirtschaftsredakteure gefördert, sie mit den Großen der Welt zusammengebracht und ihnen eine Spruchweisheit nach der anderen eingeimpft. Er liebte die Erkenntnis von Francois-Marie Arouet: "Jede Art zu schreiben ist erlaubt - nur nicht die langweilige." Er hielt es mit Kurt Tucholsky: "Schreiben sollst du in deinen guten Stunden." Und er wusste: "80 Prozent im Journalismus sind Handwerk." Zum Beweis ließ er seine Eleven Zettel mit Text-Versatzstücken an einer Wäscheleine befestigen und nach Bedarf umhängen. Simoneit dozierte, dass Qualität von Qual komme und räsonierte mit jungenhaftem Lächeln, oberhalb des Chefredakteurs gebe es nur den Verleger und den lieben Gott.

Einige Schüler profitierten besonders von Wissen und Weisheit des kauzigen Branchenkenners, der auch im Schlabberlook mit Baseballkappe zu Terminen ging. Sie wurden selbst Chefredakteure von Blättern wie Handelsblatt, Stuttgarter Zeitung oder Financial Times Deutschland. So war sein Einfluss noch einmal enorm, auch wenn spätere Versuche einer weiterführenden multimedialen Ausbildung scheiterten. Journalisten müssten in der digitalen Welt die "Stärken aller Medien verbinden", erklärte er: das Tempo des Radios, die Bildersprache des Fernsehens, die Hintergründe der Zeitung. Das war ein Vermächtnis.

Ferdinand Simoneit ist, wie jetzt erst bekannt wurde, am Karsamstag im Alter von 84 Jahren in seiner Wahlheimat Löffingen im Schwarzwald verstorben.