Zum Ende von "Wetten, dass..?" Früh erstarrt, lange frischgehalten

Bei Wetten, dass..?- Experten setzt sich mittlerweile zwar die Interpretation durch, Gottschalk habe das Format erledigt und erdrückt durch seine Persönlichkeit. Man kann es anders sehen: Gottschalk hat ein Format - das früh erstarrt war - frischgehalten, er hat der Konstanten Wetten, dass..? besondere Momente verliehen, nicht zuletzt durch seine Wurschtigkeit, durch seine Lässigkeit.

Man tritt dem deutschen Fernsehpublikum nicht zu nahe, wenn man es in seiner Gesamtheit als eher spießig bezeichnet. Aber kein halbwegs normaler Spießbürger will einem anderen Spießer zu offensichtlich zujubeln. Der Spießbürger will den Individualisten loben - schon um sich selbst ein wenig weniger spießbürgerlich fühlen zu können.

Die Entertainer-Stars ihrer Zeit waren in Deutschland also Männer, die den Samstagabend locker bespielten. Hans Joachim Kulenkampff und Thomas Gottschalk. Kulenkampff lobte ständig die Beine seiner Assistentinnen, aber sein Chauvitum bekam nie diesen säftelnden Einschlag. Kulenkampff - Hanseat aus Bremen - behandelte seine Gäste auf sehr angenehme Art von oben herab, wenn einer was nicht wusste, schaute er ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, fordernd und nachsichtig zugleich. "Wenn es so etwas gibt wie die Anmut der Egozentrik, die Gelassenheit des Fauns, die Heiterkeit des Paschas: Kuli hatte das alles", schrieb Nikolaus von Festenberg im Spiegel über Kuli, den Mozart des Plaudertons: "Wo andere sich abstrampelten, erreichte er scheinbar mühelos das Ziel."

Hans-Joachim Kulenkampff in "Einer wird gewinnen".

(Foto: DPA)

Gottschalk schien auch mühelos, natürlich war er nicht gebildet wie Kulenkampff, aber man merkte ihm seine Nervosität so wenig an wie dem alten Bremer. Er kam auf die Bühne, da war er, da blieb er. Seine lässige Erhabenheit ließ Wärme durch - bevor er in gewisser Selbstgefälligkeit strandete. Er behandelte Michael Jackson genauso wie einen Wettkandidaten, der zwanzig lange Worte auf den Rand einer Briefmarke schreiben konnte.

Kein Grund, traurig zu sein

Unvergessen: wie Gottschalk mal einen Jungen da hatte, Christian hieß er. Der Junge wettete, er könne die Marke eines Joghurts erkennen, und zwar am Geräusch, das entsteht, wenn er an den leeren Becker klopft. Christian war blind von Geburt, er war sehr aufgeregt, seine Hände flatterten wie Vögel. Christians Mutter, mit ihm auf der Bühne, war noch aufgeregter. Und es war ein berührender, großer Moment, wie Gottschalk die Hand des Jungen griff, und die Hand der Mutter; wie er der Situation alles Beklemmende nahm.

Natürlich hat Christian die Wette damals gewonnen.

Die letzte Phase von Wetten dass..? begann lange vor Markus Lanz. Die Quoten wurden schlechter, das Lagerfeuer wärmte nicht mehr. Die Leute stellen sich ihr Programm inzwischen im Netz zusammen, sie haben Besseres vor am Samstag kurz nach acht. Diejenige, die mit dem heiligen Familienfernsehsamstag nicht aufgewachsen sind, müssen und werden sich nicht mehr an ihn gewöhnen.

Diejenigen, die Wetten dass..? nicht lange kennen, haben keinen Grund, jetzt traurig zu sein. Und auch bei demjenigen, der sich noch gut an die erste Wette bei Thomas Gottschalk erinnern kann (Werner Steinhausen aus Dortmund wollte 50 Hunderassen an ihren Ohren erkennen, scheiterte aber an den Ohren eines englischen Terriers) hält sich die Wehmut über das Aus von Wetten, dass..? in Grenzen. Erst recht nach der Sendung vom Samstag.

Dinge entstehen, Dinge vergehen. Vielleicht hätte ein anderer Moderator - oder eine andere Moderatorin - den Verfall aufhalten oder verzögern können. Man weiß es nicht. Es ist auch zu spät, jetzt darüber nachzudenken. Aber es war am Ende schon auch ein bisschen verstörend, Markus Lanz dabei zuzuhören, wie er Cameron Diaz eine "wilde Hummel" nannte. Kurze Überlegung: Hätte Kulenkampff ernsthaft "wilde Hummel" zu einer Frau gesagt?

Wetten dass Und immer das Gesicht wahren Bilder
Das ZDF und Markus Lanz

Und immer das Gesicht wahren

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Nicht alles war früher besser. Manches schon.