Zum Ende von "Wetten, dass..?" Humor in einer bleiernen Zeit

Dirk Bach, Inge Meysel und Moderator Thomas Gottschalk: Wetten, dass..? war moderner, offener als die anderen Shows.

(Foto: dpa)

Bei aller Verklärung dieser Zeiten - und man vergiss das oft, wenn man die Duracell-Werbung bei Youtube noch einmal sieht (Duracell mit dem Kupferkopf übrigens), oder Vucko, den singenden Wolf von Olympia 1984 in Sarajewo - politisch waren die Siebziger und Achtziger eine bleierne Zeit. RAF-Terror und Wettrüsten.

Hans Rosenthal hat in seiner Anmoderation von Dalli-Dalli gelegentlich darauf hingewiesen, dass man auch in harten Zeiten wie diesen seinen Humor nicht verlieren dürfe und dass seine kleine Sendung nichts anderes leisten solle, als den Menschen Freude zu bereiten. Manchmal traten die Nachrichtensprecher, die noch keine Anchormen waren, sondern unheilvolle Botschaften betreffend Gromyko, Breschnew und Reagan vom Blatt verlasen, bei Rosenthal als Kandidaten an, so verbanden sich die Welten. Unvergessen: der recht stämmige Gerhard Klarner auf einem Kinderdreirad, von dem er auch noch herunterfiel.

Wetten, dass..? war moderner, offener als die anderen Shows. Bei Wetten, dass..? saßen große Stars aus dem Ausland und auch große Stars aus dem - wie man damals noch sagte - deutschsprachigen Raum. Karl-Heinz Böhm wettete in einer der ersten Ausgaben, Mai 1981, nicht einmal jeder dritte Zuschauer werde eine Mark beziehungsweise sieben Schilling - in der alten Zeit wurde das auch in den Köpfen des Publikums automatisch umgerechnet - für notleidende Menschen in der Sahelzone spenden. Er behielt recht, er gewann die Wette, aber es kamen 1,2 Millionen Mark zusammen. Böhm flog persönlich nach Äthiopien und gründete die Hilfsorganisation "Menschen für Menschen".

Merkwürdige Kleidung, schlechte Vorbereitung

Die Wette war ein Geschenk für die Glaubwürdigkeit und Haltung der Sendung: Man konnte sich also amüsieren und dabei offenbar auch Gutes tun. Böhm 1981 war so schicksalhaft für Wetten, dass..? wie Samuel Koch 2010, der sich beim Versuch, über ein Auto zu springen, das Rückgrat brach. Die Leichtigkeit, die so eine Sendung braucht, war endgültig dahin.

Die zweite Phase von Wetten, dass..? beginnt Ende der Achtziger, Thomas Gottschalk war längst Moderator, und in der kollektiven Erinnerung war das die größte Zeit dieser Sendung, weil Gottschalk wesentlich flamboyanter rüberkam als Frank Elstner damals mit seinen Schlaghosen und der Buchhalterbrille. Wer sich allerdings die Kritiken anschaut - und hätte es damals schon Twitter gegeben, wäre der Eindruck eher noch verstärkt worden - der liest ein allgemeines Gejammere heraus. Wetten, dass..? wiederhole sich nur noch, die Wetten seien einfallslos, Gottschalk sei merkwürdig gekleidet, schlecht vorbereit. Die Quoten waren aber noch immer sehr gut, nicht mehr über zwanzig Millionen, aber satt über zehn. Auch als das Privatfernsehen dazwischenfunkte, hielt Wetten, dass..? sich tapfer, und die Vorwürfe, dort werde ja auch nichts Neues mehr geboten, zielten ins Nichts.

Wetten, dass..? war die Wiederkehr des Immergleichen, es war ein Anker in der plötzlich verwirrenden Programmvielfalt. Dauernd sang Peter Maffay, dauernd erschien Iris Berben, Wetten, dass..? blieb, was es war. Anderswo traten halbnackte Frauen mit Erdbeerstickern auf den Brüsten auf, aber Wetten, dass..? wirkte durch seinen Beharrungswillen und schien imstande, das Gegenwärtige so sehr zu versinnbildlichen wie das Vergangene. Das hatte es mit dem alten Helmut Kohl ebenso gemein wie mit dem mittelalten Thomas Schaaf und der inzwischen sehr sehr alten Queen. Wer lange bleibt, wird irgendwann ein Klassiker.

Wetten dass "Tom Hanks weiß gar nicht, was er gerade verpasst"
Twitter-Reaktionen auf das Ende von "Wetten, dass..?"

"Tom Hanks weiß gar nicht, was er gerade verpasst"

Kurz vor 23:00 Uhr weckt Markus Lanz die fast schon eingeschlafenen Twitter-User wieder auf und verkündet das Ende der Sendung: Noch drei Ausgaben, dann ist Schluss. Sofort macht die Meldung die Runde und sorgt - twitter-typisch - für äußerst bunte Reaktionen.   Von Michael Neißendorfer